
An der Paulskopfwarte
Kinder, wie die Zeit vergeht. Fast zehn Jahre soll es her sein, dass wir hier waren und vor einer Woche hätte ich nicht gedacht, dass wir wiederkommen würden. Warum trotzdem? Keine Ahnung. Einer nicht mehr nachzuvollziehenden Eingebung folgend plante ich zwei Touren am Huy, eine im bewaldeten Westteil, wo wir noch gar nicht wandern waren und eine im offeneren Ostteil, die wir schon kannten. Die nicht so gute Erinnerung an den Huy beruhte auf der Tatsache, dass wir damals anders gingen, bereits am Anfang der Tour ein Weg nicht vorhanden war und wir lange durch die Feldmark gehen mussten. Dieses Mal nahmen wir den Waldweg und – hatten dafür dieses Mal im letzten Drittel der Tour einen nicht mehr vorhandenen Weg. Verdammt, manchmal ist es schwierig. Den Track habe ich deshalb so geändert, wie wir die Tour dann beim nächsten Mal gehen werden. Soweit ich es beurteilen kann, sind diese Wege alle vorhanden und gut begehbar. Wandern werden wir hier auf jeden Fall noch einmal und dieses Mal werden (hoffentlich) keine zehn Jahre vergehen. Sieht man sich die magere Karte zur Tour und die kargen Bilder an, könnte man den Eindruck gewinnen, dass hier nichts los ist und es nicht sehr erquicklich ist, diese Runde zu gehen. Als wir nach dem relativ langen Winter die Gegend erkundeten, war auch nicht viel los, aber das wird zu einer späteren Zeit garantiert anders sein. Als wir 2011 hier waren, unser botanisches Interesse erwachte gerade erst, entdeckten wir am Wegesrand schon Pflanzen wie Natternkopf, Graslilien und Acker-Rittersporn. Da wir damals noch nicht viel fotografierten und etliches aus dem Gedächtnis entfleucht ist, wird es wohl im Frühling und im Sommer noch einiges mehr zu bestaunen geben.
Ein Teil des Gebietes, das wir heute erwandern, ist als Landschaftsschutzgebiet, Vogelschutzgebiet und als Flora-Fauna-Habitat ausgewiesen. Der gesamte Weg vom Start bis ungefähr Höhe des dritten Steinbruchs ist somit unter dem Schutz des Natura 2000 Schutznetzwerkes. Dieses erstreckt sich nahezu über den gesamten Huy. Besonderheiten der Flora sind zum Beispiel das Frühlings-Adonisröschen, der Diptam und etliche Orchideenarten. Die Fauna kann beispielsweise mit Mittel- und Schwarzspecht, Wendehals, Neuntöter und dem Rotmilan aufwarten. Welcher Pflanze und welchem Tier man wann und wo begegnen könnte, ist natürlich nicht vorherzusagen. Wir sind in dieser Hinsicht immer ganz tiefenentspannt und freuen uns über jede unverhoffte Begegnung am Wegesrand. Denn Fauna und Flora sind nur zwei von vielen Aspekten des ganzheitlichen Wanderns. Informationen über den östlichen Teil des Huy zu bekommen, erweist sich für den Laien als gar nicht mal so einfach. Über die Paulskopfwarte und die Steppenrasen bekommt man einiges an Informationen, ansonsten eher wenig. Über die Steinbrüche zum Beispiel und einen eventuell hier vorhandenen militärischen Übungsplatz bekam ich sehr wenig heraus. Das Gelände unterhalb der Warte sieht aber sehr nach „Spielplatz für die Krabbelgruppe“ aus und da es in Schwanebeck in nächster Nähe zu den Steinbrüchen eine Zementfabrik gegeben haben soll und im und am Huy Kalkstein, Gips und Sand vorkommen, kann man da vermutlich zwei und zwei zusammenzählen. Aber jetzt machen wir uns auf die Socken zu einer zumindest für uns trotz der noch recht kargen Vegetation sehr spannenden Wanderung.

Der erste Steinbruch
Los geht es an dem recht geräumigen Parkplatz „Zur Huysburg“ an der Landstraße 83. Zuerst geht es auf einen asphaltierten Waldweg, was ja oft ein Indiz dafür ist, dass hier etwas los ist oder los war. Ob der Weg in Zusammenhang mit dem Bergbau oder einem Truppenübungsplatz stand oder es einen anderen Grund dafür gibt, kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall können wir die ersten Meter durch den freundlichen Mischwald erstmal „Späne geben“. Dann geht der Weg in einen locker geschotterten und schließlich in einen naturnahen Waldweg über. An der einzigen Schutzhütte und damit der einzigen erhalten gebliebenen, künstlichen Sitzgelegenheit vorbei, erreichen wir die Offenlandschaft an der Paulskopfwarte. Zack, das ging jetzt fix, oder? Das soll nicht den Eindruck erwecken, hier gäbe es nichts zu sehen oder zu erleben. Wer später kommt und mehr Wissen über Waldgesellschaften und ihre Bewohner hat, wird hier in ausreichendem Maß bedient werden. Da wir im recht spärlichen Frühjahr unterwegs waren, gab es nicht viele Gründe, um einen Stopp einzulegen. Am Stumpf der Paulskopfwarte, einst ein 12 Meter hoher Turm des mittelalterlichen Warnsystems der Stadt Halberstadt und Mitte des 15. Jahrhunderts errichtet, treffen wir auf Wanderschilder zu einem über 20 Kilometer langen Wartenwanderweg. Dieser verläuft von Dardesheim nach Eilenstedt und verbindet die drei Warten im Huy, die Heiketalwarte, die Sargstedter Warte und die Paulskopfwarte, miteinander. Eine nette Idee der Initiatoren, des Fördervereins „Zwischen Huy und Bruch“, dass Bürger Patenschaften für die Schilder übernehmen, von denen die ein oder andere wohl leider ein begehrtes „Souvenir“ werden wird. Von der Warte aus hat man einen schönen Ausblick in die Offenlandschaft, die uns jetzt erwartet und in das nordöstliche Harzvorland.
Über die und entlang der Wiesen, die im späteren Frühling, im Sommer und im Herbst mehr zu bieten haben, geht es weiter. Wir lieben solch ruhige, abseitige Wege und Pfade, auf denen man manchmal stundenlang laufen kann, ohne einem Menschen zu begegnen. Auch an diesem Tag trafen wir nur eine Joggerin und zwei Spaziergänger. Der nette Grasweg schlängelt sich durch das Gelände am Nordhang des östlichen Huy hinab. Schließlich gelangen wir auf die „lange Gerade“, die uns zu den Steinbrüchen führt. Obwohl sehr geradeaus, geht es trotzdem entlang und zwischen zahlreichen Sträuchern und Hecken hindurch, die in ein paar Wochen erblühen und den Weg wohl zu einem Augenschmaus werden lassen. Wir unterqueren eine Stromtrasse, die an diesem Tag so laut sang, dass man das Gefühl bekam, über einem schwebe ein großes Raumschiff und man würde gleich von Außerirdischen entführt werden. Auch kein alltägliches Erlebnis. Dann sind wir schon am ersten der drei Steinbrüche bei Schwanebeck. Der ist in den letzten zehn Jahren etwas zugewachsen und präsentierte sich recht idyllisch. Ein ehemaliges Trafohäuschen ist leider nicht genutzt und ziemlich baufällig geworden. Hier machten wir eine kurze Rast, um dann weiter durch die freundliche Landschaft zum zweiten Steinbruch zu gehen, der in der OpenStreetMap als „Schwanebecker Canyon“ bezeichnet wird. Der war komplett trocken und leer, sodass wir hier nicht allzu lange verweilen mussten. Ein wenig hinauf, dann erreichen wir schließlich den dritten, letzten und größten Steinbruch, der ebenfalls trocken und fast frei von Vegetation ist. Ein paar Pionierbäumchen und Sträucher haben sich angesiedelt. Die natürliche „Regeneration“ dauert halt etwas länger. Jetzt geht es in die Offenlandschaft zwischen dem Lindenberg und der Paulskopfwarte, die vermutlich einst als Truppenübungsplatz diente. Hier wird zur rechten Zeit jede Menge los sein. Mitte März war es noch so karg, dass wir die im Track verzeichnete Verlängerung, die uns fast wieder bis an die Warte heranführt, wegließen. 2011 durften wir hier sogar ein Schaf retten, das sich in einem Schutzzaun verheddert hatte. Zum Dank bekam ich damals einen beherzten Huftritt gegen den Oberschenkel. Schafe waren auch diesmal unterwegs, aber da keines in Not schien und auf den Flächen noch nicht viel los war, gingen wir geradeaus weiter.

Steppenrasenfläche im Huy
Ob mit oder ohne die kurze Verlängerung durch die herrliche Landschaft, erreichen wir den Waldrand hinter einer noch existenten Pappelreihe, deren Vertreter sich leider in keinem besonders guten Zustand befinden. Auch hier hinterlassen der zu vermutende Klimawandel und die damit verbundene Trockenheit der letzten Jahre ihre unverkennbaren Spuren. Ein in der Karte verzeichneter Obstbaumbestand ist ebenfalls nahezu komplett erloschen. Vielleicht vergrößert sich die schöne Trockenrasenfläche dadurch, was ja auch nicht zu verachten wäre. Diese gefällige und wanderbare Landschaft lassen wir jetzt hinter uns und betreten den Wald des Huy. Der Wald ist schön, die Wege auch, was will man mehr? Auf der kleinen Verlängerungsrunde begegnen uns noch einige kleine Steinbrüche und es bietet sich auch noch einmal eine Aussicht in die umgebende Landschaft. Der Brocken erhebt sich majestätisch, zu dieser Jahreszeit manchmal noch mit weißem Haupt. An einer Eichenreihe geht es hinauf, wobei wir fast den Hinweg erreichen. Kurz zuvor biegen wir nach links ab und sind direkt auf der ersten Steppenrasenfläche. So etwas bekommt man in unseren Breiten auch nicht alle Tage zu sehen. Eine Infotafel gibt Auskunft, dass es sich hier um einen Überrest einer ehemaligen Steppenheidevegetation handelt, die seit 1985 unter Schutz steht. Entsprechende Tier- und Pflanzenarten werden hier zu gegebener Zeit vorkommen. Auf den von uns damals geschossenen Bildern sind, wie schon geschrieben, Acker-Rittersporn, Graslilien und Gewöhnlicher Natternkopf zu erkennen. Aber auch einige der insgesamt 16 nachgewiesenen Orchideenarten des Huy oder Enzianarten könnte man sich hier vorstellen. Nach einem weiteren Stück durch den Wald kommt die nächste Waldwiese, die unser Weg mittig durchschneidet. Verdammt, wir müssen auf jeden Fall noch einmal wiederkommen. Das Schäferplätzchen ist kurz darauf die dritte und für heute letzte Waldwiese, die bald Interessantes zu bieten hat. Ein Stück geht es noch durch den Wald, ein paar Meter neben oder an der Straße und wir sind zurück am Ausgangspunkt.
Am Ende eines Tages...
Wieder einmal hatten wir kaum Erwartungen und wurden, trotz Kälte, Wind und spät winterlicher Kargheit, positiv überrascht. Der östliche Huy ist eine dieser Gegenden, die wir als Wanderer, als Liebhaber von Natur und Kultur, so sehr lieben. Mal sehen, was uns hier später im Jahr und im touristisch besser erschlossenen, westlichen Teil erwartet. Der Nordharz bzw. das nördliche Harzvorland, das ich sowieso schon als meine „Lieblings-Wandergegend“ auserkoren habe, hat noch mehr auf dem Kasten. Den Kleinen und Großen Fallstein werden wir dieses Jahr wohl auch noch einmal „in Angriff“ nehmen und auch der von uns noch gar nicht erkundete Hakel soll nicht in Vergessenheit geraten. Ach, das Leben scheint so kurz und es ergibt gar keinen Sinn, in die Ferne schweifen zu wollen, wenn das Gute doch so nah liegt.
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