
Durch die Obstplantagen
Über zwei Monate ist es schon her, dass wir hier gelaufen sind. Jetzt fügt sich endlich ein weiterer Puzzlestein ein in das Landschaftsbild meiner „Lieblings-Wandergegend“ im Dreieck zwischen Wernigerode, Quedlinburg und Halberstadt. Das nordöstliche Harzvorland bietet auch darüber hinaus viele Erlebnisse in Sachen Natur und Kultur, wie ebenso aktuelle und geniale Wanderungen an der Roseburg und bei Stecklenberg beweisen. Aber es zieht mich halt immer wieder in die Höhenzüge zwischen den eben genannten, mit klangvollem Namen versehenen Harzstädten. Halberstadt selbst hat, ebenso wie unser Basecamp Hildesheim, arg gelitten am Ende des letzten Weltenbrandes und heute muss man in beiden Orten schon suchen oder sich auskennen, um die Fragmente des Vergangenen zu finden. Dafür gibt es südlich der Stadt diese wahnwitzig schönen Gegenden, wie die heute zu erwandernden Spiegels- und Thekenberge. Mit diesem Höhenzug und seiner wechselvollen Geschichte, gerade ab dem 18. Jahrhundert, könnte man sich wohl jahrelang beschäftigen, vielleicht ein Leben lang. Ich reiße das wenige, das wir auf unseren Wanderungen mitbekommen, ich bei meinen Recherchen mitgenommen habe, wie immer nur kurz an. Wer sich dann näher damit beschäftigen will, findet vielerorts Informationen.
„Erleben und Erkennen auf der Reise, sind wie Salz und Pfeffer in der Speise“
Das ist ein Aphorismus, der mir jetzt witzigerweise gerade selbst eingefallen ist und der garantiert in keine Sammlung gehört. Für uns, die wir über 20 Jahre durch die Gegend streifen und für die das Wandern zu einer ganzheitlichen Passion geworden ist, ist es aber so. Ohne Hören, Sehen und Staunen und die Erkenntnis, dass trotz Chemie, Physik, Biologie und Mathematik die Welt in all ihren Facetten auch irgendwie magisch ist, wäre das Wandern doch nur ein Sport oder ein Zeitvertreib. Los geht es also am Parkplatz am Landschaftspark Spiegelsberge. Etwas ruhiger parken kann man zum Beispiel an der Gedenkstätte des KZ Langenstein-Zwieberge oder im Bereich der Klus-Siedlung. Uns war es dieses Mal wurscht, obwohl wir normalerweise auch die Ruhe suchen. Die meisten, die hier ein Plätzchen direkt am Park nehmen, streben allerdings wohl eher in den Tiergarten und/oder den zentralen Landschaftspark am Schloss. Vom Parkplatz aus geht es dann auch gleich in den Park oder am Rande dessen entlang. Hier kann sich jeder wie immer seine eigenen Wege suchen, an Auswahl mangelt es nicht. Da wir hier bislang immer „nur“ wandern waren, kennen wir vom zentralen Park sowieso nur sehr wenig. Da werden wir wohl irgendwann auch mal einen Abstecher machen müssen. Auf schmalen Pfaden geht es durch den Park, der bei unserem Besuch mit jeder Menge blühendem Sommer-Jasmin aufwartete. Von unten hat man einen kurzen Ausblick zum Jagdschloss und erreicht schließlich das Mausoleum und den Platz, an dem ehemals das Badehaus stand, das zu den ersten seiner Art in Deutschland gehörte. Von hier aus hat man auch einen ersten Ausblick auf Halberstadt mit seinen markanten Kirchtürmen.

Der Gläserne Mönch oder Thorstein
Jetzt geht es erst einmal eine ganze Weile durch herrliche Obstwiesen, die früher im Jahr wohl noch prächtiger daherkommen, dafür jetzt aber voller leckerer Früchte hängen, mit denen man sich erstmal den Bauch vollstopfen muss. Dass auch die Obstbäume, insbesondere die Kirschen unter den klimatischen Bedingungen leiden, kann man in der obstreichen Gegend hier gut erkennen. Trotzdem ein wunderbarer Grasweg, der uns vom Rand der Stadt in die Gegend am Goldbach führt. Dabei gelangen wir auch zu einem Sowjetischen Ehrenfriedhof, an dessen blütenreichem Rand sich zur rechten Zeit etliche verschiedene Schmetterlinge tummelten. Ins Offene gelangen wir schließlich am unter Denkmalschutz stehenden Haus Frohwein, das 1912 vom Sandwerkbesitzer Heinrich Frohwein errichtet wurde. Hier geht es in die „Goldbachauen“, wenn man es mal so nennen darf, obwohl wir den Bach eigentlich gar nicht zu Gesicht bekommen. Der Goldbach und seine Zuflüsse verbinden zwischen dem Kloster Michaelstein und Halberstadt viele spannende Flecken, wie das Kloster und seine Fischteiche, die Siedlung an der Birkentalmühle, die Mühlenmeile, die Siedlung an der Goldbachmühle mit den dahinterliegenden Papenbergen, die Gegend an der ehemaligen Brockenstedter Mühle und Langenstein mit seinen zahlreichen „Sehenswürdigkeiten“. Der Mühlen-Wanderweg hat sich mittlerweile (Stand 2020) ziemlich erledigt. Nur noch Fragmente der Beschilderung sind vorhanden. Schade. Trotzdem spannend. Wir ziehen hinaus in die Landschaft zwischen Halberstadt und Langenstein. Ein Verbindungsweg zwischen den Orten, der vor etlichen Jahren noch existierte und zum Goldbach und zur Untermühle führte, ist mittlerweile im wahrsten Sinne des Wortes weggeackert. Wir nehmen diesen verbliebenen Abschnitt des Weges trotzdem immer noch sehr gerne, weil er eine schöne Landschaft erschließt und teils tolle Umsichten erlaubt. Der Blick reicht oft zum Harz mit dem Brockenmassiv, manchmal auch zurück auf die Silhouette von Halberstadt.
Der Landschaftspark Spiegelsberge
Ernst Christoph Ludwig von Spiegel zum Desenberg, seit 1749 verheiratet mit seiner entfernten Verwandten Melusine Johanna von Spiegel zu Peckelsheim. Da muss ich immer ein wenig schmunzeln, was die Leute sich damals so einfielen ließen, um etwas zu sein. Na ja, auf jeden Fall kaufte der bereits mit 11 Jahren immatrikulierte und zu der Zeit bereits zum Domherr von Halberstadt und Domdechant aufgestiegene Spiegel im Jahre 1761 die kahle Hügelkette der Kattfußberge, die wahrscheinlich vorher zumindest in Teilen als Hutefläche diente und ließ sie bis zur Eröffnung 1771 in einen Landschaftspark nach englischem Vorbild umgestalten. Aber auch in den Jahren danach wurden im Park weitere Baulichkeiten und Elementen errichtet, wie 1772 die Eremitage, 1780 bis 1782 das Jagdschloss mit dem weltbekannten Riesenweinfass und der Aussichtspunkt Belvedere. 1784 wurde das Mausoleum fertiggestellt, in dem Spiegel 1785 bestattet wurde, bevor er 1811 ins Familienbegräbnis in Seggerde umgebettet wurde. Nach Spiegels Tod erweiterte sein Enkel die Anlage maßgeblich. Als dieser 1877 kinderlos starb, verwilderte der Park zusehends. 1903 erwarb die Stadt Halberstadt das Gelände, in deren Besitz es sich heute noch befindet.
Mit viel Eigenlob und einer gehörigen Portion Zeitgeist steht auf einem Stein im Park:
Wer schuf zu einem Tusculum sich diese wilde Gegend um?
Wer gab euch Bergen die Gestalt, euch öden Felsen, Wald?
Wer bauete mit segensvoller Hand dies starre unfruchtbare Land?
Wer trieb aus deinem kalten Schoß
die goldenen Äpfel, vollen Trauben?
Wer wölbte dem Wanderer aus Moos
den sanften Sitz, die schattenreichen Lauben?
Sag es der Nachwelt an, du Stein! Schallt es ins ferne Tal, ihr Hügel!
Die Wildnis bildete zum Hain – Ein Menschenfreund – Ein Spiegel!

Aussichtspunkt Fuchsklippe
Botanisch hat die Gegend auch einiges zu bieten. Mohn und Natternkopf zum Beispiel, von letzterem auch etliche weiße Exemplare. An dem mit Sträuchern bestandenen Hügel zur Linken blühte ein erstaunlich großer Bestand der Kartäusernelke. Auch auf dem weiteren Weg gab es für uns am Wegesrand etliches zu bestaunen, unter anderem Mauerpfeffer und Fetthennen. Um den Hügel herum bewegen wir uns in Richtung des ehemaligen Komplexlagers 12. Von 1944 bis 45 ließen die Nationalsozialisten hier von tausenden Häftlingen des naheliegenden KZ einen riesigen, unterirdischen Industriekomplex anlegen. Es sollten Triebwerksteile der Junkers-Werke produziert werden, wozu es letzten Endes nie kam. Knapp 2.000 Menschen hatten bis dahin sinnlos ihr Leben gelassen. Ab 1976 nutzte die NVA die Anlage, nach der Wende war hier kurzzeitig das entwertete DDR-Geld untergebracht. Ein paar Jahre nutzte die Bundeswehr den Komplex noch, dann wurde er an einen Privatmann verkauft. Ein Zaun, dahinter bewaldete Höhen und eine alte Bahntrasse, mehr bekommen wir von außen nicht mit. Über eventuell stattfindende Führungen sollte man sich vor Ort informieren. Weiter geht es zum Landhaus, einer der bereits erwähnten Ausflugsgaststätten Halberstadts, von der nicht mehr viel vorhanden ist. Die Reste des großen Hauptgebäudes rechter Hand sind überwuchert und nahezu verschwunden, links im Wald stehen noch einige Überreste des Außenbereichs. Eine kleine Treppe führt von hier zu einer viel größeren „Himmelsleiter“, die uns hinaufführt zum Gläsernen Mönch. Knapp 200 Treppenstufen später ist man oben angekommen und hat sich den Anblick und die Aussicht redlich verdient.
Der Thorstein, ein in der Oberkreide aus dem umliegenden Gestein herausgeschälter Sandsteinfelsen, der schon vor etlichen Jahrhunderten namentlich von der in unseren Breiten vorherrschenden Religion in Anspruch genommen, ragt mächtig vor uns auf. Vom oberen Plateau hat man einen beachtlichen Ausblick auf die Umgebung und natürlich wie so oft auch bis zum Gevatter Brocken. Nach ausgiebigem Gegucke und einer eventuellen Pause geht es weiter auf dem Höhenweg der Thekenberge. Ein geiler Weg durch den von Kiefern dominierten Wald, mit einigen Durchblicken und Aussichten, zum Beispiel zum Höhenzug bei Langenstein mit dem sagenhaften Hoppelberg. „Offizielle“ Aussichtspunkte gibt es an der Kalten Warte und später an der Fuchsklippe. Das ist schon ein ziemlich freundlicher Weg durch die felsige Landschaft, an deren Ende die Klippe an der Krähenhütte wartet. Wir wollten die Länge der Tour eigentlich noch durch einige der Nebenwege strecken, wie zum Beispiel den zu den Steinkuhlen, diese waren aber weitestgehend verkrautet beziehungsweise komplett verschwunden. So blieben wir weitestgehend auf dem Höhenweg, der aber ausreichend Abwechslung und Spannung bereitstellte. Hinter der Krähenhütte gibt es dann eine kleine Überleitung durch einen völlig anderen Wald. Eben noch trocken und „durchsichtig“, geht es auf einmal ins üppige Grün. An dieser Stelle kann man den Weg noch am Waldrand bis zum Kleinen Thekenberg verlängern. Auf netten Wegen erreichen wir schließlich die Offenlandschaften des ehemaligen Truppenübungsplatzes von Halberstadt. Nein, es ist kein See, den man am Horizont erkennt, wenn man aus dem Wald tritt und Richtung Halberstadt blickt. Es ist ein „Fotovoltaik-Park“, der auf dem ehemaligen Kasernen- beziehungsweise Übungsgelände von Wehrmacht, NVA und Bundeswehr entstanden ist. Das bereits erwähnte, großspurige „Natur-Projekt“ ist glücklicherweise erst einmal auf Eis gelegt, sodass man diese reizende und reizvolle Kulturlandschaft noch in relativer Ruhe genießen kann.

Schöne Landschaft
Warum gerade diese Gegend für eine solche Anlage ausgewählt wurde und nicht eine der „Agrarwüsten“ im Westen, Osten oder Norden der Stadt? Da darf sich jeder seine eigenen Gedanken machen. Aber es ist noch genügend Landschaft im Gebiet der Thekenberge, Spiegelsberge und Klusberge vorhanden, die entdeckt und erkundet werden will. Über die noch von modernen menschlichen Ambitionen unberührten Teile der Kulturlandschaft, in der im Sommer unter anderem Kleines Mädesüß, Gelber Wau oder der Natternkopf prächtig gedeihen, geht es in Richtung des Waldes der Spiegelsberge. Rein in den Wald, wieder raus, ein Stück am Rand entlang – der Weg bleibt abwechslungsreich. Für uns gab es hier, ein absolutes Kuriosum dieser Saison, die einzigen blühenden Lupinen des Jahres außerhalb des Autos. Letztendlich erreichen wir wieder den Bereich des Landschaftsparks in den Spiegelsbergen, in dem wir uns ganz individuell einen Rückweg zum Ausgangspunkt suchen können. Der Park hat sein Angesicht in den letzten Jahrhunderten gewaltig geändert, auch weil den Betreibern heute einfach jegliche Mittel fehlen, um solch große Flächen zu hegen und zu pflegen. Von dem „englischen“ Stil ist in dem verwilderten Park nur noch wenig zu sehen außer einigen mächtigen Bäumen. Wir mögen das wild wuchernde aber sowieso lieber als das Aufgeräumte. Auch das Ausflugslokal „Grüner Jäger“ ist nur noch anhand einer Infotafel erfahrbar. Die Pfennighöhle markiert dann auch schon das Ende der Tour. Der Parkplatz ist wahrscheinlich voll von Autos, das Herz sollte voller Freude sein und der Kopf ist hoffentlich voller Eindrücke und Erlebnisse, die dazu führen, dass man sich hoffentlich immer wieder gerne an eine wunderbar wanderbare Landschaft im nördlichen Harzvorland zurückerinnert.
Am Ende eines Tages...
Trocken, trockener, am trockensten. Auf dem Rückweg fuhren wir zur KZ-Gedenkstätte und gingen kurz in den von Kiefern dominierten Wald. Noch nie habe ich eine derartige Trockenheit und Hitze gespürt in einem deutschen Wald. Auch wenn es im Harz schlimmer aussieht als im Vorland, weil dort größere, zusammenhängende Bestände gibt, haben auch die Spiegelsberge und Thekenberge zu leiden. In Gebieten, in denen der Wald relativ naturnah steht, wie zum Beispiel im Nationalpark Harz, sieht es allerdings wesentlich besser aus, da hier junge Bäume bereits massiv nachwachsen und an manchen Stellen auf den ersten Blick nur noch wenig zu sehen ist von den Katastrophen der letzten Jahre. Wo in Reih und Glied gepflanzt wurde und/oder die Bäume komplett entnommen wurden, sieht das ganz anders aus. Wenn ich jetzt wieder das Gerede höre von Kampf gegen dies und das und Einsatz der Bundeswehr und all die tollen Maßnahmen der zumeist „adligen“ Waldbesitzer, die jetzt mal ein paar Märker weniger im Portemonnaie haben, läuft mir ein Schauer über den Rücken. Wenn sie wenigstens nicht noch so tun würden, als ginge es ihnen nicht wieder nur ums liebe Geld und eine altbackene Sicht der Dinge. Am besten funktioniert die Natur nämlich ohne Ausnahme immer dort, wo der Mensch seine Griffeln komplett aus der Sache raushält. Aber erzähl mal einem Kind, dass es den roten Knopf auf gar keinen Fall drücken darf.
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