
Kalktrockenrasen an den Steinbergen
Nebenbei höre ich gerade den Solomun Remix des Songs „Cloud Rider“ von Paul Kalkbrenner. Passt nicht ganz zum Wandern – aber irgendwie auch doch. Es ist Winter, die letzte Wanderung ist zwei Monate her und jetzt habe ich doch noch Wanderungen der letzten Zeit gefunden, die sich einzustellen lohnen. Die an der Roseburg allemal, wenngleich wir mittendrin einen nahezu unbegehbaren Weg absolvieren „durften“. Denn kann man aber auch umgehen. Das wunderbare „Schloss“ Roseburg mit seiner fantastischen Parkanlage hatten wir kurz zuvor mal wieder erkundet und dabei festgestellt, dass die Landschaft nahe der Anlage ziemlich nach Trockenrasen aussieht, was ja genau unserem Beuteschema entspricht. Anfang Juli 2020 war es dann so weit, für Trockenrasen-Pflanzen schon (fast) zu spät und es war das Ende eines mal wieder furztrockenen Sommers. Trotzdem bietet der kurze und nicht gerade anstrengende Weg etliches. Der Beitrag wird wohl wohltuend kurz werden, da die Erinnerung an den Weg nach einem halben Jahr zu verblassen beginnt.
Los geht es auf dem Parkplatz direkt an der Roseburg, an dem „dank Corona“ nichts los war und wahrscheinlich immer noch nicht ist. Es gibt noch andere Parkplätze, zum Beispiel den am Kleinen Gegenstein, von wo aus man dann die Wanderung über den Großen Gegenstein beenden kann. Wir nehmen den an der Roseburg und erreichen von hier aus gleich das Naturschutzgebiet Gegensteine-Schierberg, in dem wir heute über die Hälfte des Weges bleiben. Wir hätten uns schon ein wenig ärgern können, dass wir nicht die perfekte Zeit für einen Besuch erwischt hatten, aber ein solcher Gedanke kam während der Tour nicht einmal auf. Denn diese Landschaft ist auch so spannend und vielfältig genug. Eine perfekte Zeit erwischt man in solchen Trockengebieten eh nie, weil es hier eigentlich immer zahlreiche Pflanzen gibt, die nicht alle zur gleichen Zeit ihre Pracht zeigen. Als wir hier waren, hatten die Schafe und Ziegen fast alles ratzekahl leer gefressen. Ein bisschen Natternkopf, ein bisschen Feld-Mannstreu und jede Menge der eher häufig anzutreffenden üblichen Verdächtigen. Aber – ein schmaler Pfad durch Grasland, schönes Wetter, eine liebliche Landschaft und Aussicht in die Umgebung am Harzrand – was will man mehr? Die schmalen Pfade sind zu bevorzugen, aber teilweise etwas verkrautet. Die Rücksicht auf die Natur, die hier mit wenigen Millimetern Boden zurechtkommen muss, sollte erste Priorität haben. Eine Schafherde fraß die letzten, vertrockneten Reste am Wegesrand, geschützt durch einen uns aufmerksam taxierenden Hütehund von stattlicher Größe.
NSG Gegensteine-Schierberg
NSG Gegensteine-Schierberg
Das Naturschutzgebiet „Gegensteine-Schierberg“ ist knapp über 100 Hektar groß und wurde 1998 eingerichtet. Die Ernennung zum „Nationalen Naturerbe“ soll demnächst erfolgen oder ist bereits erfolgt. Das Schutzgebiet umfasst die Gegend um den Kleinen und Großen Gegenstein, die beide das östliche Ende der Teufelsmauer markieren, die Schierberge und den westlichen Teil der Steinberge. Die Südhänge der Höhenzüge werden von Halbtrockenrasen eingenommen. Hier kommen zahlreiche schützenswerte Pflanzen vor, wie der Deutsche Fransen-Enzian, der Feld-Enzian, der Gewöhnliche Fransen-Enzian, die Bienen-Ragwurz, die Große Händelwurz, die Bocksriemenzunge, der Dänische Tragant und die Herbst-Wendelorchis. Anderswo nur noch selten anzutreffende Tierarten sind zum Beispiel der Neuntöter, das Schwarzkehlchen, die Schlingnatter, die Wildkatze, der Wespenbussard und alle Spechtarten, darunter auch der Wendehals. Weitere Landschaftselemente im Schutzgebiet sind Zwergstrauchheiden, Trockengebüsche, Streuobstwiesen und naturnahe Waldgesellschaften mit Trauben-Eichen, Hainbuchen und Winter-Linden. Im feuchten Waldgebiet des Zehling findet sich das größte zusammenhängende Märzenbecher-Vorkommen am Harzrand.

Am Felsenkeller-Weg
Es war wieder ein „mörderischer“ Sommer beziehungsweise nicht feucht genug in den Zeiten davor und danach und gerade in dieser Gegend am Nordharz spürt man die Auswirkungen sehr. Es muss hier einmal viel mehr Obstbäume gegeben haben. Spärliche Reste zeugen abseits neu angelegter Plantagen davon. Mal sehen, was uns da noch erwartet. Irgendwann müssen wir auf den breiten Weg, der uns über die Kreuzung am Zehling zum Felsenkellerweg führt. Hier hat man erste Ausblicke auf die Gegensteine, die wir später erreichen und auf Ballenstedt. Wir gingen auch an dem Weg vorbei, der links zum Felsenkeller führt, weiter bis zum Ballenstedt-Blick und wollten dann durch eine Pappel-Allee zum Asmusstedter Holz, in dessen unmittelbarer Nachbarschaft sich der Flugplatz Ballenstedt befindet, auf dessen Gelände alljährlich das „Rockharz Open Air“ stattfindet. Von dem Weg ist abzuraten, denn die zweite Hälfte der Pappel-Allee ist nicht mehr begehbar und auch der Waldrandweg am Holz ist weitestgehend weg. Ich empfehle, wie auch im Track gezeichnet, den Abstecher zum Ballenstedt-Blick mitzunehmen und dann zurück zum Felsenkeller-Weg zu gehen. Wer sich den spannenden Blick auf Ballenstedt und eine gewaltige Industrie-Ruine sparen möchte, kann gleich zum Felsenkeller abbiegen.
Der Ballenstedt-Blick ist zweigeteilt. Leider konnte ich wegen üblem Seitenlicht nicht alles vernünftig fotografieren. Links erstreckt sich eine wirklich imposantes Industriegebiet. Im Schnellverfahren ließ sich nicht viel herausbekommen über den Komplex, aber es könnte sich um ein „volkseigenes“ Gummiwerk gehandelt haben, das heute teilweise nachgenutzt wird. In der Mitte sehen wir eine Turmspitze aus dem Harz ragen. Das ist der Glockenturm des Schulungszentrums Großer Ziegenberg, das 1934 von den Nationalsozialisten als Nationalpolitisches Bildungszentrum errichtet und ab 1936 als Napola Anhalt diente. Die Kaderschmiede wurde nach 1945 bis zur Wende von der SED als Bezirksparteischule Wilhelm Liebknecht weiter genutzt und bekam im Volksmund den Spitznamen „Kreml“. Rechts davor ist Ballenstedt zu sehen mit seiner Schlossanlage. Der Stadt mit ihren Sehenswürdigkeiten sollte man bei längerer Anfahrt eher einen Besuch abseits einer Wanderung abstatten, ebenso wie der Roseburg. Wir gehen nach ausreichender Aussicht zurück zum Felsenkeller-Weg und wenden uns nach rechts. Diesen Weg beziehungsweise die zwei Wege entlang von Obstbäumen sind wir nicht gegangen. Am Ende erreicht man das Gebiet des Asmusstedter Holzes rechts und das der Gegensteine links. Wir nehmen den Weg dazwischen und besuchen kurz den Felsenkeller, der sich ebenfalls einer erhellenden Recherche entzogen hat. Ob unsere germanischen Vorfahren hier schon tätig waren, Hirten des Mittelalters sich hier einen Unterstand aus dem Fels schlugen, er als Lagerkeller einer Gaststätte diente oder alles zusammen zeitlich versetzt, war nicht herauszufinden. Sollte es regnen, kann man sich zumindest unterstellen.

Im NSG Gegensteine-Schierberge
Nach dem Besuch der Höhle geht es ans Eingemachte und wir betreten das Areal der Gegensteine. Schmale, teils sandige Pfade führen durch eine liebliche Trockenrasen-Landschaft. Der Große Gegenstein kommt im ersten Moment nicht so imposant daher, beim Näherkommen erhebt er sich aber immer gewaltiger aus dem Gelände. Der aus Sandsteinen der Kreidezeit bestehende Fels kann über eine Felstreppe erstiegen werden. Von der bei unserem Besuch windumtosten Spitze hat man einen herrlichen Ausblick in die weitere Umgebung bis hin zum Harz mit dem Brockenmassiv. Die Spitze des größeren der beiden Gegensteine wird von einem Gipfelkreuz gekrönt, das 1863 von Herzog Leopold IV. Friedrich von Sachsen-Dessau errichtet wurde, der in diesem Jahr auch das Bernburger Erbe antrat und sich danach Herzog von Anhalt nannte. In botanischer Hinsicht war bei unserem Besuch nicht mehr viel los, sodass wir uns voll auf die Landschaft und die Aussichten konzentrieren konnten. Weiter geht es zum Gegensteinwächter und zum Kleinen Gegenstein. Der kann nicht bestiegen werden, bietet aber auch von unten einen imposanten Anblick. Danach geht es bergab zu einem kleinen, gemütlichen Parkplatz mit Rastplatz, dann in das Gebiet des Zehling. Hier kann man zur rechten Zeit einen Abstecher in die Märzenbecher-Aue machen. Es soll sich um das größte, zusammenhängende Vorkommen der Frühlings-Knotenblume im Nordharz handeln.
An einem weiteren Parkplatz wenden wir uns auf den südlichen Waldrandweg der Schierberge. Man kann auch den nördlichen nehmen bis kurz vor Rieder und dann auf dem südlichen Weg zurückgehen. Der südliche Weg führt noch einmal entlang von Trockenrasen und (ehemaligen?) Obstbaumbeständen beziehungsweise Streuobstwiesen. Nahezu alle Bäume sind allerdings mittlerweile tot oder „stehen im Sterben“. Das Gras war auf natürliche Weise gemäht worden, braun, trocken und traurig anmutend wirkten die zu anderer Zeit wohl üppiger bewachsenen Hänge des Schierberges. Schließlich wenden wir uns in das kleine Tal des Bicklingsbaches, der teilweise Wege an beiden Seiten bietet. Wir erreichen den Hintereingang der Roseburg. Vorne Hui, hinten Pfui, könnte man augenzwinkernd feststellen. Nach Überquerung der Landstraße und der zum Radweg umgebauten ehemaligen Trasse der Bahnstrecke Frose – Quedlinburg, im Volksmund als „Balkan“ bezeichnet, geht es hinauf zum Waldrand des Harzgebirges. Würden wir geradeaus weitergehen, könnten wir bis ins Südliche Harzvorland wandern, ohne den Wald verlassen zu müssen. Wir gehen aber nach links, ins Tal von Siebersteins Bach, dann ein Stück auf dem Fürstenweg, über eine hübsche Brücke und erreichen an der Landstraße 242 die südlichen Anlagen der Roseburg. Wenige Meter später sind wir dann wieder auf dem Parkplatz der Roseburg angekommen.
Am Ende eines Tages...
Insgesamt ein trotz der für uns „falschen“ Jahreszeit schöner Weg. Es gibt wohl auch einen offiziell eingerichteten Wanderweg, der noch die Schlossanlage Ballenstedt mitnimmt. Uns reicht diese kurze Runde ohne den städtischen Trubel allemal, vor allem, wenn wir es schaffen, beim nächsten Besuch etwas früher zu kommen. Das nördliche Harzvorland hat vom Appelhorn oder Harly im Westen bis zum Ende der Teufelsmauer bei Ballenstedt jede Menge zu bieten und zählt zu unseren Lieblings-Wandergegenden. Begrenzt wird diese Landschaft von schönen Städten wie Hornburg, Osterwieck, Halberstadt und Quedlinburg im Norden und Langelsheim, Goslar, Bad Harzburg, Ilsenburg, Wernigerode, Blankenburg, Thale, Gernrode und Ballenstedt im Süden. Dutzende von Touren haben wir hier absolviert und werden es hoffentlich noch lange Zeit tun können. Viel Spaß und immer eine Schuhbreit festen Boden unter den rastlosen Füßen.
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