Schweren Herzens lasse ich die zweite Wanderung des Mini-Urlaubs am Rhein, den sagenhaft schönen Ölsbergstieg bei Oberwesel, weg. Der Stieg ist in den steilen Weinberglagen nicht mehr begehbar beziehungsweise zu erklettern. Ich fand einen Zeitungsartikel, in dem der Bürgermeister dies sehr bedauert, weil der Gemeinde leider die nötigen Mittel fehlen, den Weg zu sanieren. Wir hatten Glück, dass gerade ein Weinbauer den Zugang zu seinem privaten Weinberg offen gelassen hatte und uns auch nicht sah oder zumindest so tat. So konnten wir den Weg von Oberwesel zur Loreley und zurück fast in vollen Zügen genießen. Hoffen wir, dass der Weg saniert werden kann, bevor er in Vergessenheit gerät oder gar unser ganzes Heimatland. Die dritte Wanderung, eigentlich wollten wir ja die Gegend erkunden und Burgen erobern, deren Eintritt uns aber störte, führte uns auf den wohl am höchsten ausgezeichneten Weg des Wander-Portals „Wanderinstitut“. Ganze 99! Punkte hat die „Traumschleife Ehrbachklamm“ bekommen. Das erschien uns arg übertrieben – und ich nehme es vorweg – das ist es auch. Ein Weg mit wahnsinnig schönen Abschnitten im Tal des Ehrbaches und durch die Felsenlandschaft darüber, aber auch ein Weg mit kurzen „Durststrecken“ am Anfang und am Ende. Man muss zwar bedenken, dass wir nicht gerade zur freundlichsten Zeit dort waren, aber das habe ich meiner persönlichen Einschätzung nach auch getan. Trotzdem ist der Weg sehr geil und die Punkte des Wanderinstituts bleiben eine gute Orientierungshilfe für Wanderungen.

In der Ehrbachklamm
Los geht es am großen Wanderparkplatz Ehrbachklamm. Bei unserem Besuch schlug uns hier ein eisig kalter Wind entgegen, was glücklicherweise später besser wurde. Also hieß es für uns schnell los. Am Parkplatz hingen bereits einige Zettel des nahen Waldkindergartens, an dem wir am Ende der Wanderung vorbeikommen. Dort klagen die kleinen Mäuse darüber, dass ihr Wald seit der Einrichtung und touristischen Vermarktung der Traumschleife in einem bemitleidenswerten Zustand ist. Überall im Wald findet sich Müll, unter anderem vermeidbarer, der für alle erdenklichen Körperausscheidungen verwendet wurde. Taschentücher, Tampons und Windeln halten sich Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte im Wald. Das sind wohl dann die Menschen, die sich selbst für vernunftbegabte Naturfreunde halten, aber in Wahrheit, ich formuliere es diplomatisch, asoziale Dreckschweine sind. Vom Parkplatz bis zum Waldrand ist es spürbar über einen Kilometer und hier verliert der 99-Punkte-Weg einiges. Da helfen auch ein schöner Rastplatz und eine Liegebank nichts. Wir bekamen sogar unsere ersten zurückkehrenden Kraniche des Jahres zu Gesicht. Im Wald wird es dann bald besser und wir erreichen das erste „Etappenziel“, den Aussichtspunkt an der Beulslay. Die Bezeichnung Lay oder Ley findet man häufig in dieser Gegend bei Felsformationen und es ist ein altes Wort für Fels, insbesondere wohl im Zusammenhang mit Schiefer. Die bekannteste Vertreterin ist wohl die weltberühmte Loreley am Rhein.
Von der Beulslay haben wir eine schöne Aussicht ins Ehrbachtal zur Brandengrabenmühle. Die Wassermühle war vom 18. Jahrhundert bis 1928 in Betrieb und wurde von den Menschen der näheren Umgebung genutzt. Wir erreichen heute zwei der Mühlen im Ehrbachtal, aber zwischen dem Schloss Schöneck und der Mündung in die Mosel bei Brodenbach sind, zum Beispiel auf der OSM-Map, acht (ehemalige) Mühlen zu erkennen. Insgesamt sollen es einst zehn Mühlen im Tal gewesen sein. Jetzt geht es für uns aber endlich hinunter ins Ehrbachtal, das wir an der Stierwiese an der Eckmühle erreichen. Der Einstieg an einer Brücke ist nicht zu verfehlen. Bei unserem Besuch zeigte sich das Tal an dieser Stelle nicht sehr wanderbar, da viele Bäume abgeholzt worden waren. Die klimatischen Veränderungen, meiner Meinung nach eher nicht maßgeblich vom Menschen verursacht, hinterlassen überall Spuren. Gerade Bäume an steilen Hängen haben mit der Trockenheit zu kämpfen. Nach ein paar hundert Metern gelangen wir dann allerdings in den wirklich sagenhaften Teil des Tals. Wir haben in unserem Wanderleben (in Deutschland) viele herrliche Fluss- und Bachtäler gesehen. Die vielen Bäche und Flüsse im Harz, wie die Selke bei Alexisbad, die Oker oder die Bode, das Püttlachtal in der Fränkischen Schweiz, die Drachenschlucht am Marienbach bei Eisenach und vieles mehr. Die Ehrbachklamm bei Oppenhausen reiht sich da nahtlos ein, wenngleich es sich im engeren Sinn nicht um eine Klamm handelt, sondern eher um eine Schlucht. Klamm heißt der ungefähr 1,5 Kilometer lange Abschnitt des Tales eher wegen einer regionalen Verwendung des Begriffs.

Auf dem Felsenpfad
Die nächsten knapp zwei Kilometer sind zum puren Genießen da, selbst wenn der ausgehende Winter hier noch regieren sollte. Der Bach hat sich tief ins Gelände gegraben und dabei alle Merkmale einer Schlucht herausgearbeitet. Abgeschliffene Felsen, große Einzelfelsen, steile Hänge, bewachsen mit Eichen, Hainbuchen und Massenbeständen des seltenen Hirschzungenfarns. Überall liegen Steine und Hölzer kreuz und quer im Bachbett, immer wieder müssen wir ein wenig klettern, uns an Seilen entlanghangeln oder Brücken überqueren. Die Wanderschilder hätte man bis auf eine Ausnahme weglassen können, denn es gibt keine Möglichkeit, sich zu verlaufen. Lediglich an der Einmündung des Eltesbächelchen bestände die Möglichkeit, auf einem abenteuerlich anmutenden Pfad auf den weiter oben gelegenen Felsenweg abzukürzen. Der Jahreszeit geschuldet, die Tage kurz, die Nächte lang, nahmen wir den kurzen Weg durch die Ehrbachklamm. Sollten wir in unserem vorangeschrittenen Alter noch einmal die Möglichkeit haben, würden wir wohl die große Runde gehen. Nach einem großartigen Erlebnis in der „Klamm“, mit vielen Pausen, vielem Staunen, vielen Fotos, verließen wir das Tal schweren Herzens kurz vorm Erreichen der Rauschenmühle, einer weiteren Wassermühle. Viel Zeit zum Trauern bleibt aber nicht, weil es erstens gewaltig knackig nach oben geht und der folgende Felsenweg ebenso genial ist wie der im Bachtal. Ungefähr nach dem halben Aufstieg ergibt sich eine Aussicht ins Ehrbachtal und in Richtung Schloss Schöneck. Am Weg stehen hier im Wald erstaunlicherweise sogar einige Wacholder.
Oben angekommen, eigentlich sind wir aber auf einem Kammweg, geht es jetzt wieder für einige Kilometer auf einen uneingeschränkt fantastischen Wanderweg mit vielen Aussichten und Rastplätzen. Unter anderem sieht man immer wieder die Burgruine Rauschenburg, die man von unten aus dem Tal nur anhand des Felsvorsprungs erkennen konnte, auf dem sie steht. Sie wurde während der Eltzer Fehde (1331 – 1336) von Kurfürst Balduin von Luxemburg als Trutzburg errichtet und richtete sich unter anderem gegen die ebenfalls im Ehrbachtal gelegenen Burgen Schöneck und Ehrenburg. Da sie für eine zeitlich eingeschränkte Nutzung in minderer Qualität erbaut wurde, war sie bereits im 15. Jahrhundert zu einer verfallenden und bedeutungslosen Burg geworden. Die nächsten Kilometer sind wieder einfach nur zum Genießen. Ein sensationell schöner Pfad, davon kann es niemals eine ausreichende Menge geben, windet sich links und rechts, hoch und runter am Hang entlang. Immer wieder hat man Aussichten und die Gelegenheit zur Pause. Am Rast- und Aussichtsplatz Waldesruh heißt es wieder Abschied nehmen von einer Landschaft, die man nicht mehr verlassen möchte. Kurz darauf beginnt der vom nahegelegenen Waldkindergarten betreute Wald, in dem es wieder Hinweise darauf gibt, dass man sich hier gerne als Naturfreund benehmen darf und nicht als alles wegschmeißende Drecksau. Danke im Namen von echtem Anstand und wahrer Vernunft! Der schöne Sonnenplatz mit Liegebank lädt zu einer letzten Pause ein, dann geht es vorbei am schönen Waldkindergarten hinaus in die offenere Landschaft. Nach wenigen hundert Metern erreichen wir schließlich unseren Ausgangspunkt am Wanderparkplatz bei Oppenhausen.
Am Ende eines Tages...
Eine Premiumwanderung? Wenn man sich in solchen Kategorien verlieren will – Ja! 99 von 100 möglichen Erlebnispunkten? Meiner Ansicht nach Nein. Es soll ja etliche solche hohen Bewertungen vom „Wanderinstitut“ geben und mindestens einen Weg, den im Saarland gelegenen Felsenpfad bei Losheim, der gar mit 100 Punkten bewertet wurde. Durch lange Lebenserfahrung weiß ich, dass vieles in unserer (leider) nahezu rein oberflächlich, kapitalistisch und technokratisch geprägten Gesellschaft nicht immer mit rechten Dingen zugeht. Folge dem Geld – eine der größten Weisheiten der Menschheitsgeschichte. Aber das ist reine Spekulation und die Traumschleife Ehrbachklamm ist ein Knaller, abseits jeglicher mathematischer Berechnungen. Ich hoffe, wir werden in dieser Gegend noch einige andere Wege erkunden dürfen. Bis dahin immer einen Fußbreit festen Boden unter den Füßen.
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