Den Vogler übersahen wir irgendwie all die Jahre und Jahrzehnte unserer „Wanderkarriere“, wobei wir rund um den Höhenzug tolle Gegenden vorfanden, wie zum Beispiel die Rühler Schweiz oder die Umgebung von Heyen. Kirchbrak und die Königszinne lockten mich immer wieder und immer wieder kam es letztendlich nicht zu einer wanderbaren Tour. Während der Touren um Heyen erblickten wir dann von Linse aus den Tönniesberg, der wanderbar aussah. Kirchbrak, Königszinne, Tönniesberg – eine Idee war geboren, wurde ausgearbeitet und konkret ins Auge gefasst. Ein paar Tage später war dann ein Zeitfenster (wir beide hatten frei) offen und die Gelegenheit wurde ergriffen. Als wir ankamen, sahen wir aus dem Auto das Werbeplakat für die Wilde Heimat. Da musste ich erst einmal schmunzeln, weil zumindest der Solling, in dem wir vor zwanzig Jahren einige unwanderbare Runden gedreht hatten, sich nicht so sehr zum Besseren verändert haben konnte. Aber hier geht es ja erst einmal um den Vogler, der räumlich deutlich vom Solling getrennt ist. Am Kirchplatz in Kirchbrak angekommen, schauten wir auf die Wanderkarte, waren recht angetan von der Wanderoffensive, die hier gestartet wurde und folgten nicht dem von uns ausgearbeiteten Track, sondern weitestgehend dem Wanderweg Ki(rchbrak) 5, der nicht zu den Touren der Wilden Heimat zählt.

Wilde Heimat in Kirchbrak
Wir parkten auf einem Parkplatz am AMCO-Gelände, weil wir von dem Wanderparkplatz Buchhagen nichts wussten. Erst bei der Recherche las ich, dass sich auf dem Gelände der noch aktiven Holzfabrik ein lange Zeit im Dornröschenschlaf liegendes, architektonisches Schätzchen befindet. Der Erweiterungsbau von 1925 wurde von Walter Gropius und Ernst Neufert entworfen, kurz nachdem das Bauhaus von Weimar nach Dessau übergesiedelt war. 1911 bereits hatte Gropius für Carl Benscheid das heute zum UNESCO-Weltkulturerbe zählende Fagus-Werk in Alfeld entworfen, das 1914 fertiggestellt wurde. Jahre später „vermittelte“ Benscheid den Architekten Gropius an August Müller, den damaligen Inhaber des AMCO-Werkes. Erst 2019 wurde mehr oder weniger zufällig „entdeckt“, dass es sich bei dem Erweiterungsbau um ein Werk von Gropius handelt. 2020 folgte die Unterschutzstellung durch die zuständige Denkmalbehörde. Wie das so lange unentdeckt bleiben konnte, obwohl die für damalige Verhältnisse ungewöhnliche Bauweise augenfällig ist, ist bestimmt eine interessante Geschichte. Ob und wie das Gebäude von innen und/oder außen besichtigt werden kann, weiß ich leider nicht. Wir ziehen erstmal vom Parkplatz ins Ortszentrum von Kirchbrak. Dort erwartet uns eine freie Grünanlage, die wahrscheinlich früher der T(h)ie- oder Thingplatz war. Heute steht hier unter anderem die Wehrkirche St. Michael, die wohl mindestens aus dem 11. Jahrhundert stammt und wahrscheinlich auf einem germanischen Heiligtum errichtet wurde.
Hier am Platz gibt es jede Menge Informationen für Wanderer wie uns. Tafeln geben Auskunft über den hier verlaufenden Pilgerweg Loccum – Volkenroda und über regionale Wanderwege, unter anderem die ausgezeichneten Wege der „Wilden Heimat“. Zwei dieser Touren, den Ki1 – Zum Ebersnacken und den BW2 – Zweitürmetour, begehen wir heute nur teilweise, weil wir zur Königszinne wollen. Beide Touren sind von uns aber auch noch als eigenständige Runden geplant. Wir machen uns langsam wieder auf die Socken. Auf dem Postenweg beginnt unser langer Aufstieg zum Voglerkamm. Ungefähr 250 Höhenmeter bewältigen wir auf den nächsten Kilometern. Kaum dass wir den Ort verlassen haben, ergeben sich erste schöne Ausblicke in die Umgebung. Unter einer alten Eiche steht ein Gedenkstein von 1913, der an die Völkerschlacht von Leipzig (16. – 19.10.1813) erinnert, in der eine Koalition aus Russen, Schweden, Preußen und Österreichern einen Sieg über Napoleon Bonaparte errang. Von der darunter stehenden Bank kann man einen schönen Ausblick genießen. Wir folgen weiter den Wanderzeichen von Ki1 und Ki5 durch den sichtlich im Wandel befindlichen Wald. Oft werden wir während des Tages großen Kahlschlägen begegnen, die davon zeugen, dass etwas nicht in Ordnung ist oder dass Prozesse in der Natur stattfinden, die wir nicht nachvollziehen können. Wer vehement die Meinung vertritt beziehungsweise dem Glauben anhängt, dass es sich nur um einen maßgeblich vom Menschen verursachten Klimawandel handeln kann – bitteschön. Verrückte Zeiten sind es allemal im besten Täuschland aller Zeiten.

Blick von der Königszinne nach Bodenwerder
Auf wechselnd wanderbaren Wegen geht es durch den teils ausgedünnten Wald, in dem das Leben aber noch lange nicht aufgegeben hat. Wo der Ki5 nach rechts abzweigt vom Ki1, entschieden wir uns gegen den an dieser Stelle unschön aussehenden Ki5, um etwas weiter oben am Kamm des Vogler auf dem Weserberglandweg weiterzugehen. Im Nachhinein wohl eine gute Entscheidung. Wer möchte, kann natürlich auch noch einen Abstecher zum ungefähr 500 Meter entfernten Bodoturm unternehmen, von dem aus man wohl eine recht geile Aussicht in die Umgebung genießt. Der Kamm- oder Höhenweg des Vogler ist trotz (oder gerade wegen?) des teilweise fehlenden Waldes ein schöner Weg. Außer zwei aufgelassenen Steinbrüchen am Wegesrand gibt es keine großen „Sehenswürdigkeiten“, aber so kann man halt einfach mal den Weg und den Wald mit allen Sinnen genießen. Nach einigen Kilometern stößt auch der Ki5 auf den Kamm und auch hier sah dieser Weg so aus, dass wir froh waren, uns für den Weserberglandweg entschieden zu haben. Nach insgesamt ungefähr 3,5 Kilometern auf dem Kammweg erreichen wir den Aussichtsturm Königszinne, wobei diese nicht auf dem Gipfel des gleichnamigen Berges liegt, sondern am nach Bodenwerder gerichteten Hang. Hier kann man pausieren und die herrliche Aussicht ins Tal der Weser nach Bodenwerder genießen. Der Aussichtsturm, wohl auf den Resten einer Festungsanlage errichtet, steht ebenfalls im Zusammenhang mit der Völkerschlacht von Leipzig, da er 1863 anlässlich der 50-Jahr-Feier eröffnet wurde.
Hinter dem Turm geht der Abstieg ins Lennetal weiter auf dem BW2 – Zweitürmetour. Auf freundlichen Wegen erreichen wir den Waldrand, an dem uns das 1990 errichtete Deutsche Orthodoxe Dreifaltigkeitskloster erwartet. Wir bekommen nicht viel davon mit und eine Besichtigung ist nur im Rahmen einer angemeldeten Führung möglich. Schade, aber zu respektieren. Weiter geht es also ins kleine Buchhagen, das letzte von ehemals etlichen Hägerdörfern im Umland. Anfang des 12. Jahrhunderts warben Vertreter des Heiligen Römischen Reiches für eine Besiedlung des weitestgehend noch von Slawen bewohnten Ostgebieten des Reiches. Zahlreiche Flamen, in ihrer Heimat durch Sturmfluten ihrer Lebensgrundlagen beraubt, sollten geworben werden. Wegen der unsicheren Lage im Osten nahmen aber nur wenige das zweifelhafte Angebot wahr. Bischof Udo von Hildesheim warb daraufhin für eine Besiedlung der unerschlossenen Waldgebiete im Leine- und Weserbergland, unter anderem am Vogler. Die besonderen Rechte dieser sich in Hägerhufendörfern organisierenden Siedler wurden im Eschershäuser Vertrag festgelegt. Diese Art der Kolonisation war sehr erfolgreich und verbreitete sich später über weite Teile des Reiches. Von den ursprünglichen Hägerdörfern um Eschershausen ist lediglich Buchhagen übriggeblieben, wobei auch hier die ursprüngliche Struktur dieser Dörfer nicht mehr erhalten geblieben ist. Das Gut Buchhagen, bestehend aus Herrenhaus, Wohnhaus, Nebengebäude und Taubenturm, steht unter Denkmalschutz.

Haltepunkt Buchhagen der ehem. Bahnlinie
Unser Weg führt uns durch einen kurzen Hohlweg hinab zur Kreisstraße 17. Bei Interesse kann man einen kurzen Abstecher zur schönen Kulturmühle Buchhagen machen. In der 1867 errichteten, ehemaligen Sandstein-Schleifmühle finden unter ehrenamtlicher Führung diverse Aktivitäten statt und an bestimmten Tagen hat das Mühlen-Café geöffnet. Der kleine Ort ist schnell durchquert und dann geht es hinaus in die Lenneaue. Zuerst erreichen wir den Lenne-Freizeitweg, der auf oder parallel zur ehemaligen Bahntrasse der Strecke Vorwohle – Emmerthal verläuft. Der knapp 16 Kilometer lange Weg bietet verschiedene Möglichkeiten wie Fahrradfahren, Spazierengehen und Draisine fahren. Hier befindet sich auch der Wanderparkplatz Buchhagen, von dem sich die Tour ebenfalls gut starten und beenden lässt. Für uns geht es weiter zur Lenne, wo eine schöne Bank auf uns wartet und eine Infotafel zu den beiden Mühlen, die einst durch einen von der Lenne abzweigenden Mühlengraben mit Wasser versorgt wurden. Nach Überquerung der hölzernen Brücke über das Flüsschen Lenne verlassen wir den BW2 – Zweitürmetour, der in seinem weiteren Verlauf in das von uns auf anderen Wegen erkundete, an Orchideen reiche Gebiet zwischen Linse und Heyen führt. Wir wandern ein wenig bergauf und dann auf einem netten Hangweg am Tönniesberg und Kreienberg zurück nach Kirchbrak. An der Kreisstraße 23 wandern wir, vorbei an einer umfunktionierten Trafostation, zurück zu unserem Ausgangspunkt.
Am Ende eines Tages...
Keine Traumschleife, aber wieder einmal in seiner Gesamtheit betrachtet ein wirklich interessanter und spannender Weg. Weitestgehend freundliche Wege, etliche Aussichten, kulturelle und kulturhistorische Kleinode, ein Wald im Wandel und etwas früher im Jahr bestimmt auch einige botanische Erlebnisse. Der Vogler erwies sich auf jeden Fall als wanderbarer als der Solling es einst tat und ein Dutzend weitere Touren der „Wilden Heimat“ sind vorbereitet. Auch der Solling soll dabei noch einmal näher in Augenschein genommen werden. Wir sind gespannt, ob sich dort etwas zum Positiven verändert hat.
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