Einfach nur Vorholz ist die lapidar anmutende Bezeichnung des Höhenzuges, auf dem die heutige Tour stattfindet. Galgenberg, Spitzhut und Knebelberg gehören dazu und sie zählen zu den schönsten Ecken. Selbst wir, die wir die drei Hausberge der Süd- und Osthildesheimer lange aus den Augen verloren hatten, waren reichlich erstaunt, wie viele nirgendwo verzeichnete Wege gerade den Galgenberg und den Spitzhut durchziehen. Die von mir  ausgewählte und eingezeichnete Strecke ist darum auch nur als Schnuppertour zu verstehen. Leider sind am Ende des Knebelberges einige Wege zum Kamm nicht mehr vorhanden, so dass man Teile des tollen Kammwegs unter normalen Umständen auf dieser Tour nicht mitnehmen kann. Dazu später mehr. Seit Jahren schwirrt mir schon der Gedanke im Kopf herum, das Gebiet von Gallberg und Finkenberg/Lerchenberg zu „vermessen“. Jetzt sind auch noch Galgenberg und Spitzhut dazugekommen, die fast schon frustrierend viele Wege aufweisen. Das ist natürlich nicht ernst gemeint, denn diese hohe Anzahl an Möglichkeiten macht den Reiz der Gegend aus. Hier kommt jeder auf seine Kosten. Ob man Barrierefreiheit bevorzugt oder Zwergentunnel und Dschungelpfade, ob man aussichtsreiche Waldrandwege mag oder eher den gepflegten Kammweg. Die von mir vorgeschlagene Tour ist an die auf der OSM verzeichneten Wege angelehnt, auf denen man sich wenigstens nicht wirklich verlaufen kann. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass ich es irgendwann vielleicht schaffe, eine eigene Karte des Gebietes anzulegen…

Die Sieben-Brüder-Häuser

Die Sieben-Brüder-Häuser

Los geht es für die Nutzer des ÖPNV am Ostbahnhof in Hildesheim. Autofahrer können natürlich einen der auf der Karte eingezeichneten Parkplätze nutzen. Dafür bekommen wir Bahn- und Busfahrer noch einen Abstecher in eine „historische“ Ecke der Stadt. Der heutige Haltepunkt Hildesheim-Ost hat seit seiner Einrichtung in den 1870er Jahren als „Bahnhof am Friesentor“ und „Altenbekener Bahnhof“ wahrlich bessere Zeiten erlebt. Trotzdem ist er segenspendend für viele Menschen aus den umliegenden Vierteln (z.B. uns), die nicht bis zum Hauptbahnhof müssen. Vor dem Bahnhof steht eine sehenswerte Esche auf dem Grün, dann gibt es im Immengarten erstmal nicht so viel zu sehen. Auf der Ecke Goschentor der Neubau der HAWK und linker Hand die ersten etwas älteren Gebäude. Auf dem Gelände des heutigen Pflegeheims entstand 1876 eine Malzfabrik, deren einzig verbliebenes Gebäude auf der Ecke zu sehen ist. „Hopfen und Malz – Gott erhalts“, ist an dem schönen Backsteingebäude noch zu lesen. Die ehemals durchgehende Feldstraße wurde durch Eisenbahn und Ausbau der Marienburger Straße nachhaltig zerteilt und wir müssen über die „Schnecke“ auf die andere Seite. Wenn ich Örtlichkeiten Hildesheims ab und zu z.B. als „Steinsoldat“, „Arschkerbe“ oder „Schnecke“ bezeichne, so ist das oft nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern auf dem meiner Freundin, einer alteingesessenen Hildesheimerin. Ich als gebürtiger Zugereister würde mir so etwas natürlich nie erlauben.

Bevor ich jetzt wieder anfange in Laberei zu verfallen, geht es also über die „Schnecke“ in den oberen Teil der Feldstraße. Nach ein paar Metern links die „Sieben-Brüder-Häuser“. Nur kurz und unvollständig die interessante Geschichte der Häuser: Ernestine Nagel vermachte Ende des 19. Jahrhunderts ihr Restvermögen nach dem Ableben ihres pflegebedürftigen Sohnes der Stadt Hildesheim mit der Auflage, sieben Stiftswohnungen für sozial schwache Familien einzurichten. Die dann 1880 zu diesem Zweck errichteten Häuser, die zwischenzeitlich in die Weinhagen-Stiftung geflossen waren, wurden letztendlich 2002 privatisiert und verkauft. Weiter oben öffnet sich die Feldstraße zur „zweispurigen“ Nebenstraße mit breitem Grünstreifen. Wir nähern uns dem unübersehbaren Areal des Kriegerdenkmals am Galgenberg, das vielleicht zu den imposantesten weithin zählt. Eingebettet in eine Grünanlage mit als Naturdenkmalen ausgewiesenen Kastanien steht der knapp sechs Meter hohe „Steinsoldat“ im Gedenken an die über 4.000 im Ersten Weltkrieg Gefallenen des „Infanterieregiments von Voigt-Retz„. Umrahmt wird er vom markigen Spruch an der Wand: „Die ihr das Leben gabt in Schicksalszeit, gewannt dem Volk und euch Unsterblichkeit“. Andere Zeiten, andere Sichtweisen. Aber Teil unserer Geschichte, ob es uns nun gefällt oder nicht. Die kindlich-naiv anmutenden Schmierereien, die hier immer wieder zu bestaunen sind, ändern daran auch nichts. Ein schönes Plätzchen auf jeden Fall mit Bänken und einer etwas zugewachsenen Aussicht. Nach rechts geht es in die Mozartstraße…

Blick über den Süden Hildesheims

Blick über den Süden Hildesheims

Die verlassen wir gleich wieder links in den Wald, in dem uns ein schmaler Pfad zum Silberfund-Gedenkstein in der gleichnamigen Straße bringt. Ein kleiner Stein nur, der auf den Fundort des „Hildesheimer“ Silberschatzes verweist. 1868 wurde beim Aushub des ehemals hier befindlichen Schießstandes das Silbergeschirr „eines“ römischen Offiziers gefunden. Dass der „Schatz“ oder Teile des Schatzes aus dem Besitz des Heerführers Varus stammen, gilt heute eher als unwahrscheinlich. Aber selbst wenn dem so sein sollte, wäre die Sache mit der Varus-Schlacht im Hildesheimer Raum damit aber noch lange nicht vom Tisch. Am Waldrand hinter der Gehörlosen-Schule gehen wir weiter zur Tonkuhle. Die kleine, saubere Schwester des Hohnsen gehörte zu einer ehemals in diesem Gebiet tätigen Ziegelei. Der Ziegelei und dem Schießstand verdanken wir wohl auch diese besondere Gegend in Hildesheim, die wir jetzt auf einem der zahlreichen Wege durchwandern. Ein toller Weg am Fuß des Galgenberges, immer wieder kann man Reste der Schießstände im Wald erkennen, die Natur macht einen urigen Eindruck. Hier gibt es wieder zahllose Möglichkeiten, den Wald zu durchstreifen. Egal wie und wo, alle Wege führen irgendwie zu dem Weg, der die Stadtteile Itzum und Marienburger Höhe mit der Jahnswiese verbindet.

Der folgende Waldrandweg ist ebenfalls ein absoluter Premiumweg, vor allem, wenn wir ihn aus der Stadt hinaus begehen. Zur rechten Jahreszeit ist das ein schmaler Zwergentunnel mit vielen Sitzmöglichkeiten und einigen Aussichten auf das südliche Vorland der alten Bischofsstadt. Gerade im Herbst, wenn sich die wunderbaren Mischwälder mit hohem Anteil an z.B. Buchen, Eichen, Hainbuchen, Kiefern und zahllosen Sträuchern goldgelb verfärben. Hinter dem steilen Aufstieg zum Restaurant „Brockenblick“ wird es noch einmal anders. Ob es noch schöner wird, muss jeder für sich selbst entscheiden. Nach ein paar hundert Metern Pracht geht es dann prächtig rechts hinab, ebenfalls auf einem von vielen schmalen Traumpfaden des Tages. Dann gelangen wir mal auf einen breiten, geschotterten Weg, auf dem meistens der meiste Verkehr herrscht und verlassen ihn hinter dem kleinen Teich in der Senke auch gleich wieder. Hier geht es auf einen schmalen Waldpfad. Der führt uns hinab ins Tal eines „namenlosen“ Baches, den ich wider besseres Wissen einfach mal Landwehrbach nenne, weil in diesem Bereich die Hildesheimer Landwehr verlaufen sein müsste. Auf der Ecke eine Bank, ein Stück weiter ein Rastplatz unter einer an eine Pappel erinnernde Weide.

Der Gelbe Turm auf dem Spitzhut

Der Gelbe Turm auf dem Spitzhut

1894 begann hier oben die Gastronomie, die heute als Berghotel & Restaurant fortgeführt wird. Nur den Brocken kann man von hier nicht mehr sehen. Auf der „Langen Geraden“ erreichen wir den fantastischen Gelben Turm, der auf der Höhe des Spitzhuts thront. Der wurde 1886, nach den Aufforstungsarbeiten am Höhenzug, als krönender Abschluss aus gelbem Backstein errichtet. Im 20. Jahrhundert verloren zu viele das Interesse an ihrer Stadt und der Natur, der Turm verkam, war schon fast Teil des Waldes, am Ende kaum noch gelb. Bevor es zum Abriss kommen konnte, gründete sich 1996 ein Verein zur Rettung des Turms, der Gelder sammelte. 1999 wurde der Turm sorgfältig saniert und mit einem Spiegelteleskop versehen, als Aussichtsturm und Sternwarte neu eröffnet. Für mehr Infos siehe die Site der „Hildesheimer Gesellschaft für Astronomie“.

Hinter einem Waldstück geht es links hinauf, dann rechts über die Felder. Wenn nicht gerade einer der bei Wanderern gefürchteten Maiswälder hier wächst und wächst und steht und steht, hat man eine schöne Aussicht hinunter ins Innerstetal und auf „Augenhöhe“ auf den von Wäldern umgebenen Rischkamp. Irgendwo am Waldrand der Querburg, die wir jetzt erreichen, muss wohl einst die Hildesheimer Landwehr verlaufen sein. Für diesen Ort ist die Queneburg nachgewiesen, wohl eine mittelalterliche Palisadenbefestigung an der Landwehr, die Hildesheims Schutz nach außen verbesserte. Davon ist heute nichts mehr übrig, aber weiter unten wartet der idyllische Fischteich der Querburg mit mehreren tollen Sitz- und Rastplätzen auf uns. Von hier aus kann man bei Bedarf auch ganz gut einen traditionellen „Abstecher“ zur Obstweinschänke Lechstedt machen, um dann später, z.B. über den Ziegeleiweg, an anderer Stelle wieder in die Tour einzusteigen. Wir verlassen den netten, kleinen Wald der Querburg gen Norden und wandern mitten durch die Felder, auf einem sehr freundlichen Grasweg, zum Waldrand des Vorholzes bzw. des Knebelberges.

Impressionen vom Waldrandweg

Impressionen vom Waldrandweg

Vom Waldrand aus hat man einen schönen Blick zurück über die Felder bis zum über die Hügelkuppen ragenden Fernsehturm auf dem Griesberg. Hier der Hinweis für „Hartgesottene“. Es gibt mehrere Wege hier hinten, die z.B. auf Google Maps eingezeichnet sind und zum Kamm des Knebelberges hinaufführen. Diese sind allerdings nur noch schwer erkennbar und auch nicht mal mehr inoffizielle Wege. Wir sind trotzdem dort hinaufgegangen, weil der Kammweg bereits kurz nach dem Tor an der Autobahnraststätte „Hildesheimer Börde“ ein echt genialer Weg ist. Wer sich also nicht scheut, ein paar hundert Meter neben einem ehemaligen Weg durch die „Buttnick“ zu kraxeln, dem sei einer der Wege empfohlen, die wohl bald ganz verschwunden sein werden. Wenn man z.B. an der Ecke am Waldrand steht, kann man knapp hundert Meter rechts gehen und dann links auf einen kaum noch erkennbaren Weg direkt auf den Kamm. Der von mir eingestellte Track zeigt natürlich den „barrierefreien“, traditionellen Zugangsweg, der so übel nun auch wieder nicht ist. Ein schöner Weg am Waldrand, dann etwas breiter und geschottert, schließlich kurz und knapp zum Kamm hinauf. Hier besteht 2017 immer noch eine großflächige Rodung, die weite Ausblicke zulässt, wie man sie sonst hier oben nicht bekommt. Gut Walshausen und die Marienburg im Innerstetal oder der Griesbergturm sind markante Punkte, über die Kuppen von Tosmar und Hildesheimer Wald kann man die „Gipfel“ der Sieben Berge erkennen.

Der Kammweg ist wie gesagt fast auf seiner gesamten Länge wirklich schön, auch ohne Aussichten. Lediglich vom Brockenblick bis kurz vor die Landwehr ist er der „ökologischen“ Forstwirtschaft in die Fänge geraten und in eine Waldautobahn umgewandelt worden. Diesen Weg werden wir meiden. Der Wald hier oben ist (noch) ein Genuss. Von teils mächtigen Buchen dominiert, kommt man immer wieder in Bereiche gemischten Waldes. Die Hildesheimer Landwehr auf dem Kamm des Höhenzuges ist kaum zu übersehen und ist trotz fehlender Information ein interessanter Flecken Erde. Im Gegensatz zu vielen anderen Landwehren, von denen noch deutliche Zeugnisse vorliegen, wie z.B. in Mühlhausen, ist dieser Abschnitt auf dem Knebelbergkamm schon einer der deutlichsten Hinweise auf das äußere Melde- und Verteidigungssystem Hildesheims. Hinter der markanten Landschaft geht es auf schmalem Pfad weiter. Vorbei an den zwei sich umschlingenden Bäumen erreichen wir die Waldautobahn, ignorieren sie und gehen links hinunter. „Ist ja auch nicht besser“, wird manch einer sagen, aber nach wenigen Schritten geht es wieder rechts in den Wald auf einen schmalen Weg. Der führt leicht hinab, darum gehen wir an der nächsten Gabelung rechts hinauf und überqueren die Stromtrasse. Sollte hier mal wieder entkrautet worden sein, oben geschieht das alle paar Jahre, kann man erstaunlicherweise Natternkopf, Tausendgüldenkraut, Türkenbundlilien und Sommerwurze bestaunen. Hinter der Trasse geht es wiederum auf einem Pfad durch einen schönen Wald zum Hotel & Restaurant „Brockenblick“.

Der Bismarckturm

Der Bismarckturm

Bevor ich es vergesse – Eiben! Viele Gegenden in Deutschland sind bekannt für eibenreiche Waldgebiete. Man achte in der Stadt Hildesheim und besonders im Vorholz einmal darauf, wie viele der schönen Bäume es hier gibt. Auch im Bereich des Gelben Turms stehen einige Exemplare der Europäischen Eibe. Am Turm geht es hinab in das Gebiet ehemaliger Steinbrüche, die man erkunden kann oder man folgt einfach dem Pfad. Der führt uns hinab zum Galgenberg, immer knapp abseits der breiteren Pfade ringsum. Auch an der Wegspinne nehmen wir den schmalsten Weg, der noch ein weiteres Mal leicht hin und her mäandernd durch einen schönen Wald führt. Heraus aus dem Wald kommen wir schließlich an der Wiese des Bismarckturms, der 1903 zu Ehren des wohl selbst heute noch jedem bekannten Reichskanzlers fertiggestellt wurde. Wenn er geöffnet ist, weil gerade mal niemand darin herum randaliert hat, kann man bei freiem Eintritt einen schönen Ausblick auf Hildesheim und Umgebung genießen. Hier in der Nähe stand auch der vom 14. bis ins 19. Jahrhundert genutzte und 1809 entfernte Galgen, der dem Berg seinen Namen gab. Etwas unterhalb befindet sich die Bratpfanne, dann die zwei sehenswerten Hochbehälter des ehemaligen Wasserwerks Ortsschlump. An einigen schönen Villen des „Musikerviertels“ vorbei, geht es am „Steinsoldaten“ hinab und durch die Mendelssohnstraße schließlich zurück zum Ostbahnhof.

Am Ende eines Tages...

Die Beiträge wirken zum Ende hin manchmal wohl ein wenig gehetzt und das ist wohl auch so. Zu vieles gäbe es zu erzählen. Aber das Internet ist kein Ort der langen Texte, die eh niemand lesen will. Der Einfachheit halber nenne ich den Höhenzug immer Galgenberg und der hat es wirklich in sich. Städte wie z.B. Goslar, Alfeld oder Clausthal-Zellerfeld haben eine wahnsinnig schöne und wanderbare Umgebung, die auf kaum einer Wanderkarte Erwähnung findet. Auch unsere Heimatstadt hat (nicht nur) mit dem „Galgenberg-Höhenzug“, dem Höhenzug zwischen dem Gallberg und dem Naturschutzgebiet Finkenberg/Lerchenberg und dem Kleeblatt aus Osterberg, Mastberg, Giesener Teiche und Haseder Busch, eine höchst wanderbare Umgebung. Der heute begangene Höhenzug zeichnet sich durch seine vielen, fast nur schmalen Wege durch einen reichhaltigen Wald aus und ebenso durch eine Vielzahl kultureller Besonderheiten abseits der Touristenströme. Viel Spaß wünsche ich in der und um die liebens- und lebenswerte Stadt Hildesheim…

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