
Volle Lerchenspornblüte im Haseder Busch
Das fängt schon kurz nach dem Start in Hasede an. An der viel befahrenen B6 geht es zur Straße „Lendertberg“, diese hinab und am Sportplatz vorbei direkt ins Naturschutzgebiet „Haseder Busch“. Die Innerste ist von ihrem Austritt aus dem Harz bei Langelsheim bis zur Brücke bei Heinde komplett unter Schutz gestellt. Aber auch auf den Flusskilometern danach bis zur Einmündung in die Leine bei Ruthe, gibt es noch mehrere Schutzgebiete um und an der Innerste. Es sind die Naturschutzgebiete „Am Roten Steine“, „Mastberg und Innersteaue“, „Haseder Busch“ und „Ahrberger Holz / Groß Förster Holz“. Während die Innerste im komplett geschützten Mittelteil durch die Hinterlassenschaften des jahrhundertelangen Bergbaus im Harz immer noch mehr oder weniger mit Schwermetallen belastet ist, lässt diese Belastung im Unterlauf nach und es haben sich typische Flusslandschaften erhalten, die gerade in unseren Breiten selten geworden sind. Auf wanderbaren Pfaden geht es immer am Puls des Geschehens durch das Naturschutzgebiet „Haseder Busch“. Mehrere Wege stehen zur Verfügung, nur dem breiten, der mitten hindurchführt sollte man eher nicht folgen. Aus dem Wald heraus folgen wir dem Innersteufer bis zur mittlerweile in die Jahre gekommenen Holzbrücke über den Fluss. Das Gebiet jenseits der Brücke darf nicht betreten werden. Auf der Ecke steht einer schöner Infopavillon, dem leider wie so oft eine schöne Bank fehlt. Der Einstieg in den bewaldeten Berges des nun folgenden Naturschutzgebietes „Mastberg und Innersteaue“ ist nicht leicht zu finden. Selbst ich als halbwegs Ortskundiger habe diesen Mini-Pfad lange übersehen. Es lohnt sich aber auf jeden Fall, den Weg zur Anhöhe des nur 25 Meter über der Innerste gelegenen Mastberges zu nehmen, der im Frühling weiß erstrahlt von zahlreichen Buschwindröschen, die den Hang überzuckern. Denn der gehört zu den wenigen Eichen-Hainbuchen-Mischwäldern unserer Gegend und ist immer noch geprägt von der früher hier bevorzugten Mittelwaldwirtschaft, bei der der Wald durchaus extensiv, nachhaltig und ganzheitlich genutzt wurde.

Schneitel-Hainbuchen am Mastberg
Parallel zum Fluss gelangen wir zur Mastbergstraße und überqueren diese. Ein Abstecher zur ehemaligen Wasserburg Steuerwald, die vom Hildesheimer Bischof Anfang des 14. Jahrhunderts als Schutz- und Trutzburg gegen die immer aufmüpfiger werdenden Hildesheimer errichtet wurde, ist auf jeden Fall lohnenswert. Der Weg ist ja heute eh nicht allzu lang, aber vollgestopft mit Erlebnissen. Ansonsten oder nach dem Abstecher geht es über eine kleine Holzbrücke in die Innersteaue zwischen dem Stadtteil Himmelsthür (Postadresse des Weihnachtsmanns!) und dem Gewerbe- und Industriegebiet um die Lademühle und Münchewiese. Den Wert dieser eigentlich nur kleinen und von oben gesehen eingequetschten Landschaft wissen viele Hildesheimer zu schätzen. Am Kupferstrang entlang verläuft der ausgebaute Radweg, an der Innerste ein Weg und später Pfad durch die Wiesen. Diesen nehmen wir zu Fuß auch gerne, nachdem wir eventuell unter der gut besuchten Bank am Walnussbaum eine erste Pause gemacht haben. Danach geht es zur Innerste und mit schönen Einblicken in die als Grünland genutzte Landschaft, die aber durch sehr viele Gehölze reich strukturiert ist, immer parallel am Fluss entlang. Der Bergfried der ehemaligen Wasserburg Steuerwald ist immer wieder auszumachen und die Türme von St. Mauritius und der Christuskirche markieren den sehens- und erlebenswerten Ortsteil Moritzberg. Durch die Nähe des nahen Gewerbegebietes ist dies keine uneingeschränkte Idylle, aber durchaus eine innergroßstädtische Augenweide. Wir verlassen das Gebiet an der Fünfbogenbrücke und gelangen, es ist eine unvermeidliche und kurze Durststrecke, parallel zur Bundesstraße 1, aber immer auch am Innersteufer, in die „Kernstadt“ von Hildesheim.
Naturschutzgebiet Haseder Busch
Naturschutzgebiet Haseder Busch
Bei dem nur 50ha kleinen, aber feinen NSG „Haseder Busch“ handelt es sich um einen der wenigen verbliebenen Hartholzauenwälder in weiter Umgebung mit einem hohen Anteil an Altholz. Die Innerste präsentiert sich an dieser Stelle mit einigen ihrer verbliebenen Altarme. Über 40 Holzgewächsarten gibt es hier, dominiert von Eschen, Erlen, Eichen und Buchen. Im Sommer erinnert das sehr an einen Urwald, im Frühling erlebt man während der Lerchenspornblüte eine Pracht ohnegleichen, die unterstützt wird von anderen Frühblühern wie dem Buschwindröschen oder dem Gelben Windröschen. Spechte und Fledermäuse leben in dem von Menschenhand weitestgehend unberührten Wald und etliche Amphibien tummeln sich in den zahlreichen Tümpeln und feuchten Stellen. Zwischen der Innerste und dem nahen Hafen Hildesheim findet sich noch ein Streifen Offenlandschaft mit angelegten Weihern, in dem viele Tierarten ihre Ruhe vor den Zweibeinern haben. Auch ein oder zwei Biber sollen schon gesichtet worden sein. Das ist schon ein Spektakel, wenn man zur rechten Zeit kommt. Aber auch das restliche Jahr hat der Haseder Busch viel zu bieten und vermittelt einen Eindruck davon, wie es früher an vielen Stellen unserer Flüsse ausgesehen haben mag. Verständlich, dass die Menschen früherer Jahrhunderte versucht haben, möglichst viel Raum zu gewinnen. Heute können wir uns das Miteinander mit der Natur und den nötigen Respekt vor ihr leisten und schützen, was noch zu erhalten ist.
Wir kämpfen uns durch das Umfeld der Bundesstraße 1, wobei wir am Sitz der Hildesheimer Schützengesellschaft vorbeikommen, die sich 1367 nach der Schlacht von Dinklar gründete. Dann geht es rechts weg von der ehemals bedeutenden Fernhandelsstraße zu den Wallanlagen Hildesheims, die zumindest für mich zu den schönsten unserer Heimat zählen und in weiten Teilen als Landschaftsschutzgebiet „Wallanlagen“ ausgewiesen sind. An einigen sehenswerten Bäumen vorbei, unter anderem einer alten Robinie, geht es hinab zum Seniorengraben, an dem früher ehemalige Ratsmitglieder angeln durften. Alte Befestigungsanlagen findet man hier nur noch wenige, aber dafür sind die Wälle und Gräben, die einst die Stadt Hildesheim gegen Gefahr von außerhalb schützten, weitestgehend hervorragend begrünt. Hier befinden wir uns inmitten der Grünen Lunge der Stadt, die ihr aber auch eine unvergleichliche Identität verschafft. Nichts gegen die historisch bedeutenden Bauwerke der Stadt, aber für mich sind es die Wälle, die mich bislang untrennbar an diese Stadt binden. Gewaltig ragt links der Hohe Wall empor, auf dessen Plateau sich, für uns leider heute unsichtbar, das Weltkulturerbe der Michaeliskirche befindet und der angrenzende historische Magdalenengarten. Der Weg nach links ist der kühle Liebesgrund, der nach wenigen hundert Metern an der Arneken-Galerie das nördliche Ende der erhaltenen Wallanlagen markiert. Da dies heute eine Innerstewanderung sein soll, habe ich den Weg zwischen den Fluss und den Wassergraben gelegt. Selbstverständlich kann man auch den vielleicht schöneren Weg unterhalb des Walls nehmen, an dem auch einige Bänke zur Rast einladen.

St. Magdalenen an der Insel
An den Gräben kann man mit etwas Glück die ein oder andere tierische Begegnung erleben. Mit eigenen Augen haben wir schon ausgesetzte Exemplare der Europäischen Sumpfschildkröte gesehen, dazu Bisamratten, Wanderratten, Reiherenten, Graureiher, Graugänse und Eisvögel. Natürlich gibt es auch Teich- und Blässhühner, Schwäne und jede Menge sehr zutraulicher Enten aller Art. Solcherlei macht es selbst für uns, die wir uns hier blind auskennen oder auszukennen glauben, immer wieder spannend. Am Ende des Seniorengrabens erreichen wir über die schöne Innerstebrücke das Areal der ehemaligen Bischofsmühle, die sich hier einst mit einem gewaltigen Gebäudekomplex, inklusive der völlig windschiefen Walkemühle, komplett über die Innerste spannte. Davon ist heute so gut wie nichts erhalten und trotzdem ist dies einer der Orte, den viele Hildesheimer jeden Tag besuchen. Das ehemalige Kloster St. Magdalenen, das Café „Insel“ auf einer Innersteinsel, der „Glaspalast“ auf den letzten Resten der alten Bischofsmühle, in der der überregional bekannte Kulturverein „Bischofsmühle Cyclus 66“ residiert, ein Rest der alten Stadtmauer, jede Menge innerstädtischer Liegefläche und die Kanusport-Wildwasseranlage – das hat schon jede Menge Flair. Wir folgen der Innerste weiter zum alten Johannisfriedhof und zum Wasserkraftwerk der EVI. Auf welcher Seite es jetzt weitergeht, kann jeder selbst entscheiden, etwas ereignisreicher ist es am von uns aus gesehen linken Ufer, etwas naturnäher am rechten. Über die Johannisbrücke, die einst Teil der Stadtbefestigung war, geht es rechts entlang. Linkerhand sieht man das Denkmal für Rainald von Dassel und dahinter den Kalenberger Graben, den ich nicht als Weg genommen habe, da dies ja eine Innerstewanderung sein soll. Aber jeder geht natürlich immer seiner eigenen Nase nach.
Wir gehen in die Straße „Große Venedig“, die in früheren Zeiten ihrem Namen alle Ehre machte. Links liegt die überregional bekannte Orchideengärtnerei Hennies, die seit 1891 besteht und vielleicht die älteste ihrer Art ist. Durch einen Mini-Park, der hoffentlich bald von den Schäden des Hochwassers 2017 befreit ist, geht es weiter in Richtung Hohnsen. Den erreichen wir nicht ganz, aber wer möchte, kann einen Seerundgang mitnehmen. An der Brücke ist auf der anderen Seite das Freibad Jo(hannis)-Wiese, das in den letzten Jahren umfangreich an die Zeichen der Zeit angepasst wurde und sich mit Fug und Recht als das schönste Frei- und Strandbad Niedersachsens bezeichnen darf. Wir bleiben heute trocken und folgen dem Straßenzug, vorbei an einigen mondänen Wohnbauten zur Freiflut an der Innerste. Hier sind unter der sehenswerten Ahornblättrigen Platane einige schattige Bänke, die eine kurze Rast ermöglichen, bevor wir die Innerste verlassen und uns auf den Weg zum Bahnhof machen. Das hört sich schlimmer an als es ist, denn der Weg dorthin ist ein Knüller in Sachen innerstädtische Natur und Kultur. Am Speckgürtel der mittelalterlichen Wallanlagen kleben einige der sehenswertesten Reste der Altstadt von „Sachsens Perle“. Über eine Brücke über den hier von der Innerste abzweigenden Mühlengraben betreten wir den kleinen aber feinen Ernst-Ehrlicher-Park. Der wurde im Mittelalter von den Mönchen des St. Godehard-Klosters als Klostergarten mit Fischteichen angelegt. Später wurde das Kloster in die Stadtummauerung aufgenommen und Teile des Parks ebenso. Im 19. Jahrhundert erwarb die Familie Dyes den Garten und wandelte ihn in einen Landschaftsgarten im englischen Stil um. Heute ist der städtische Park eine schöne Erweiterung des Landschaftsschutzgebietes „Wallanlagen“.

St. Godehard vpm Kehrwiederwall
Hier gibt es alte Bäume, lauschige Plätzchen und einige Teiche mit ihren ganztägigen Bewohnern. Im Frühling hat man auch einen guten Blick auf die alte Villa Dyes in der Straße „Weinberg“ und das daneben gelegene „Schweizerhaus“. Durch das grüne Fleckchen kommen wir zum Kehrwiederwall am „Godehardsviertel“. Am Übergang von Park und Wall steht ein kleines Fachwerkhaus, das sogenannte Schwanenhäuschen, in dem früher jemand lebte, der sich um die teils auf dem Graben brütenden Schwäne kümmerte. Auf der Ecke dann das vielleicht „schönste“ Gefängnis Deutschlands in den Gemäuern des alten Godehardiklosters. Wenn wir jetzt den herrlichen mit Bäumen Sträuchern bestandenen Wall erklimmen, können wir das Ausmaß des Klosters sehr gut erkennen, in dem auch noch die Norddeutsche Hochschule für Rechtspflege ihren Sitz hat. Gewaltig sieht allerdings von hier die ehemalige Klosterkirche St. Godehard aus, die 1963 vom Papst zur Basilica minor erhoben wurde. Die Gegend, die jetzt folgt, zwischen St. Godehard und dem Kehrwiederturm, ist wohl nicht nur meine Wohlfühlecke Hildesheims, die ich immer gerne besuche. Lappenberg und Gelber Stern, Kehrwiederturm und Keßlerstraße, das sind heute im Gegensatz zu früher klingende Namen. Da ich hier ja schon meine Stadtwanderung entlang gelegt habe, schreibe ich hier nichts mehr dazu. Wir folgen dem Wall mit tollen Ausblicken in die städtische Umgebung und gehen an den schönen Gebäuden der ehemaligen Dompropstei und der Großvogtei zum Goschentor, von dem leider nur noch der Name existiert. An dem modernen Gebäude der HAWK vorbei geht es noch ein Stück durch die schöne Sedanallee, dann durch die Boysenstraße zum Ostbahnhof und von dort nach Hause.
Am Ende eines Tages...
Ich glaube nicht, dass allzu viele Leute diesen Weg so gehen werden. Aber vielleicht nimmt der ein oder andere das als kleinen Anreiz, um sich seinen eigenen Weg „ins Innerste“ der Stadt Hildesheim zu suchen. Das ist einfach sehr speziell und für uns besonders schön, weil es unsere Heimat ist, die wir zwar wie die eigene Westentasche zu kennen glauben, die uns aber immer wieder auch in Erstaunen versetzen kann. Zwischen Hasede und Derneburg und noch ein Stück weiter, kann man zumindest problemlos direkt am Fluss wandern, auch weil glücklicherweise kein durchgehender Radweg direkt am Ufer entstanden ist, wie es einmal geplant war. Abschnitte wie der am Haseder Busch, am Roten Stein und der gesamte Abschnitt zwischen Walshausen und Listringen, machen einfach richtig Spaß. Die Innerste ist vielleicht kein spektakulärer Fluss und man sucht hier vergeblich nach ausgeschilderten Premiumwegen, aber vielleicht gerade deshalb ist man hier meistens weitestgehend ungestört in einer durchaus faszinierenden Natur- und Kulturlandschaft unterwegs…
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