Frühling, ja du bist's

Frühling, ja du bist’s

Endlich habe ich mal die Gelegenheit, einen etwas älteren Beitrag ins neuere Gewand zu kleiden. Da die Rahmenbedingungen für das Wandern abseits der großen Wanderströme momentan nicht besser werden, unter anderem, weil die Forstwirtschaft mit Wald-Terminatoren sich mittlerweile weit ausgebreitet hat, müssen wir uns die vorhandenen und für wanderbar befundenen Routen warmhalten. Die Frühlingstour bei Harsum gehört jetzt zu unserem Standardrepertoire, wobei der beginnende Ausbau des Stichkanals Hildesheim im Laufe der Zeit einige Anpassungen der Tour erfordern wird. Tja, wo anfangen, wo enden? Harsum ist nicht direkt alte Heimat, aber hier habe ich meine relativ erfolglose Realschulzeit absolviert und später war Harsum eine Durchgangsstelle zu meiner aus dieser vermeintlichen Erfolglosigkeit resultierenden Arbeitsstelle in Lehrte. Die Wälder bei Harsum sind bei Einheimischen bekannt für ihren Reichtum an Frühblühern. Dazu zählen auch noch nahegelegene Wälder, wie das Aseler Holz, der Borsumer Wald, das Ahrberger und das Groß Förster Holz und der Haseder Busch (Link NSG). Die drei letztgenannten Wälder sind sogar als Naturschutzgebiete ausgewiesen. Als Wandergebiete bieten sich eher nur der Haseder Busch (Link Wanderung) und eben die Wälder bei Harsum an, wobei wir uns an letztere Tour auch erst vor einigen Jahren herangewagt haben. Wir hatten nämlich trotz des Wissens um den schönen Frühlingswald starke Bedenken, ob es sich lohnen würde, hier wandern zu gehen. Diese Zweifel wurden dieses Mal, ebenso wie zuvor, allerdings von den reichlichen Frühlingserlebnissen und schönen Waldwegen am Stichkanal Hildesheim zerstreut. Sinnvoll verlängern lässt sich die Wanderung eigentlich nicht, weil wir die westlich von Harsum gelegenen Wälder nahezu komplett erwandern. Alle anderen Gebiete befinden sich so weit entfernt, dass man ewig lange Wege durch die schwach strukturierte Feldmark oder Ortschaften laufen müsste. Abkürzen kann man jederzeit und zum Beispiel eine oder mehrere Brücken weglassen oder gar den ganzen Weg am Kanal.

Fünf Brücken über den Stichkanal Hildesheim werden wir heute auf wenigen Kilometern Weg erleben. Aber eins nach dem anderen. Erst einmal starten wir an der schönen Marienkapelle am Rand von Harsum. Als Schüler an der Penne nebenan habe ich diesem Platz eher weniger Aufmerksamkeit geschenkt, heute dafür umso mehr. Eine wirklich in ihrer Art sehr schöne Kapelle, die außen von der überlebensgroßen Gottesmutter beherrscht wird. Die ersten Meter gehen wir auf der asphaltierten Strecke zum Waldfrieden, dann biegen wir nach links ab in ein Teilgebiet von Saubecks Holz oder Saubecksholz oder Subeeksholz. Auf verschiedenen Karten gibt es verschiedene Namen. Im Frühling geht es hier bereits in die Pracht des Harsumer Waldes, ein Mischwald mit einem hohen Anteil an Hainbuchen, Eichen und Buchen. Da uns im gesamten Waldanteil des Tages immer wieder die gleichen Frühlings-Geophyten begegnen, hier gleich einmal alle, die wir erleben durften beziehungsweise die, an die wir uns erinnern. Nicht mehr blühend große Bestände an Schneeglöckchen, kleinere an Märzenbechern und sogar ein paar Winterlinge am Kanal. Blühend ein Meer an Buschwindröschen und Gelben Windröschen, dazu immer wieder Bestände an Veilchen, Hoher Schlüsselblume, Lungenkraut, Perlhyazinthen, Scharbockskraut, Hohlem Lerchensporn und Immergrün. Noch nicht blühend Bärlauch und Maiglöckchen. Wahrscheinlich ausgewildert waren auch immer wieder Blausterne und Osterglocken zu sehen. Das ist schon eine Menge dessen, was der Frühling für Auge und Seele zu bieten hat. So ging es für uns beschwingt und berauscht durch das erste blütenreiche Waldstück des Jahres. Ein paar Meter gehen wir auf dem Subeeksweg am Rande Harsums entlang, dann geht es in das zweite, kleine Waldstück. Das sind tolle Waldwege, die wir hier nahezu überall haben werden. An einem Flur- oder Feldkreuz wenden wir uns nach rechts und gehen ein Stück durch die Feldmark, dann wieder auf einem Waldweg zurück zum Haseder Weg. Das war schonmal ein ziemlich schöner erster Abschnitt.

Die Marienkapelle von Harsum

Die Marienkapelle von Harsum

1726 stiftete der bischöfliche Amtmann J.H. Cordes, auch „Regent von Harsum“ genannt, eine barocke Marienstatue für Harsum. Diese sollte eigentlich am Thieplatz im Ort stehen, aber auf dem Transport von Hildesheim blieb der Karren mit der Madonna am Waldrand stecken und ließ sich nicht mehr aus dem Dreck ziehen. Dies wurde als Zeichen angesehen und die Statue wurde an Ort und Stelle belassen. 1854 verkündete Papst Pius IX. das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria. Hier mal ein Zitat, das mich an die gerade stattfindenden Ereignisse erinnert:

Die Lehre, dass die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch einzigartiges Gnadengeschenk und Vorrecht des allmächtigen Gottes, im Hinblick auf die Verdienste Christi Jesu, des Erlösers des Menschengeschlechts, von jedem Fehl der Erbsünde rein bewahrt blieb, ist von Gott geoffenbart und deshalb von allen Gläubigen fest und standhaft zu glauben. Wenn sich deshalb jemand, was Gott verhüte, anmaßt, anders zu denken, als es von Uns bestimmt wurde, so soll er klar wissen, dass er durch eigenen Urteilsspruch verurteilt ist, dass er an seinem Glauben Schiffbruch litt und von der Einheit der Kirche abfiel, ferner, dass er sich ohne weiteres die rechtlich festgesetzten Strafen zuzieht, wenn er in Wort oder Schrift oder sonstwie seine Auffassung äußerlich kundzugeben wagt.

Aus Anlass des Dogmas entwarf der Harsumer Pfarrer Anton Paasch eine Kapelle, die 1857 eingeweiht werden konnte. Im Ostgiebel fand die bereits seit 1726 stehende Marienstatue einen schützenden Unterstand. 1864 stiftete die Familie Rohlmann 15 Sandsteinstelen für einen im Wald hinter der Kapelle angelegten Kreuzweg. Der normalerweise aus 14 Stationen bestehende Weg wurde am Anfang durch eine zusätzliche Stele ergänzt, die Jesus in der Nacht vor seiner Verurteilung auf dem Ölberg zeigt.

Parallel zum Asphaltweg geht es durch einen Wald mit prächtigen Hainbuchen und Frühblühern zum Waldfrieden, einer ehemaligen Waldgaststätte. Bis zum hölzernen Doppelkreuz, das vielleicht von Teilnehmern des Napoleonischen Russlandfeldzuges aufgestellt wurde, zu dem es aber auch die örtliche Sage eines Liebesdramas gibt, geht es wieder auf feinem Weg durch ebenso feinen Wald. Kurz darauf erreichen wir dann den Stichkanal Hildesheim an der „Badestelle“ der DLRG-Ortsgruppe Harsum. Uns begrüßt das silbergrau-grüne Wasser des Kanals, das den Hildesheimer Hafen mit dem Mittellandkanal verbindet, der längsten künstlichen Wasserstraße Deutschlands. Spätestens hier ist die Autobahn 7 bereits recht deutlich zu vernehmen. Wir haben dieses Mal ein bisschen in Richtung Hildesheim verlängert und dies nicht bereut. Man kann den Abstecher zu den zwei Brücken aber auch gerne weglassen. Wir gingen also direkt am DLRG-Häuschen auf den schmalen Pfad, der direkt oberhalb der Wasserlinie zur Autobahnbrücke führt. Ob dieser den Ausbau überleben wird, ist fraglich. An der Brücke der Autobahn 7 ist es schon arg laut und man muss laut sprechen, um sich noch verständigen zu können. Ein paar Meter weiter erreichen wir die Brücke 393 zwischen Hasede und Asel, die südlichste Brücke des Tages. Ein schöner Ausblick über den Kanal bietet sich von hier und Angler hatten bei unserem Besuch mehrere große Zelte aufgebaut. Schiffe bekamen wir den ganzen Tag nicht zu sehen, die hatten wir glücklicherweise 2017 in ausreichender Menge gehabt, inklusive eines „Multifunktions-Baggerschiffes“. Die offizielle Bezeichnung des Arbeitsschiffes „Rethem“ lautet Schwimmgreifer. Das ist laut Bundesanstalt für Wasserbau ein „Schwimmendes Arbeitsgerät mit fest installiertem oder mobilem Baggergerät als integralem Gerätebestandteil, das überwiegend vom Wasser aus mit einem Greifer arbeitet“. Südlich der Brücke ist auf der Preußischen Landesaufnahme ein größeres Sumpf- oder Bruchgebiet zu erkennen, die Faule Wiese. Dieses Feuchtgebiet ist mit dem Bau des Kanals verschwunden beziehungsweise trockengelegt worden.

Blick zur Autobahnbrücke der A7

Blick zur Autobahnbrücke der A7

Auf einem etwas breiteren Weg geht es zum schmalen Pfad, der uns zum Wasser hinab bringt, dann unterqueren wir unter der Brücke 392a wieder die Autobahn 7. Boah, ist das laut. Witzigerweise wird die Geräuschkulisse dann aber sehr schnell geringer und verschwindet schließlich nahezu ganz. Der Weg am Stichkanal Hildesheim ist in diesem Bereich nicht nur für Radfahrer geeignet, sondern auch erstaunlich gut für Fußgänger. Das erste kleine Waldstück mit Frühblühern durchqueren wir, dann geht es immer noch schön zur Brücke 392b, der dritten Brücke des Tages, von Hildesheim aus gesehen. Diese verbindet die Orte Hasede und Harsum. Der Abschnitt danach kann wohl mit Fug und Recht als der schönste am Stichkanal bezeichnet werden. Es geht durch ein sehr schönes, längeres Waldstück und über Stock und noch mehr Stöcke, sodass man mit dem Fahrrad schon ein wenig aufpassen muss, wo man hinfährt. Dann kommt an der Brücke 391, die Klein Förste und Harsum durch die Landstraße 467 verbindet, der momentane Knackpunkt des Tages (Stand April 2021). Die Brücke (siehe Fotos) wird komplett erneuert und der Weg am Kanal ist gesperrt. Wir waren am Wochenende hier, sodass kaum Arbeiten stattfanden und keine Arbeiter zu sehen waren. Lediglich ein einsames Gerät war dabei, die noch stehende alte Brücke abzureißen. Wir begegneten einem netten Biker, der in die andere Richtung unterwegs war. So konnten wir uns gegenseitig den richtigen Weg durch die Baustelle weisen. Wir kletterten also einfach über einen Erdhügel und gingen durch das Vorgelände der Baustelle zurück zum Kanalweg. In der Woche kann das schwierig werden, darum habe ich in der Karte unten eine kurze Umgehung der Baustelle eingezeichnet. Man geht dann ein Stück vor der Brücke auf einen Feldweg, der kurz parallel zur A7 läuft und dann auf dem Radweg an der Förster Straße zurück zum Kanal. Das wird die nächsten Jahre, je nach Blickwinkel, noch lustig oder frustrierend am Kanal.

Der Hildesheimer Stichkanal

Im Vorfeld des lange geplanten Hildesheimer Hafens und des Stichkanals zum Mittellandkanal, kam es zu massiven Protesten der potenziell angrenzenden Gemeinden. Es musste erst einmal entschieden werden, ob der Kanal nun gebaut werden würde oder nicht. Auch die Routenführung westlich über Sarstedt nach Hannover-Linden oder östlich über Algermissen nach Sehnde, war Teil der Verhandlungen. Wie immer seit Menschengedenken wollten Nutznießer das Projekt voranbringen und Nutzenlose waren dagegen. Es kam wie es kommen musste, sagt der Volksmund. Im Jahr 1928 wurden Hildesheimer Hafen und Stichkanal Hildesheim auf der östlichen Route gebaut und feierlich eröffnet. Heute kann man wieder sagen, dass es kam wie es kommen musste. Die erhitzten Gemüter haben sich in 90 Jahren Hafen und Kanal beruhigt und zumindest der Kanal ist für viele Menschen ein nutzbringender und nicht mehr wegzudenkender Bestandteil der Landschaft geworden. Angler, Radfahrer und „seit neuestem“ auch Wanderer, erfreuen sich an dem ruhig daherkommenden Gewässer. Mittlerweile hat der geplante Ausbau des Stichkanals mit der Neuerrichtung einiger Brücken begonnen. Einige Wirtschaftsbrücken, besonders auch im Bereich Harsum, werden dabei wohl abgerissen und nicht erneuert. Im Rahmen des Ausbaus soll auch der Wasserspiegel des Kanals um 0,5 Meter erhöht und die Wasserspiegelbreite um 4,0 Meter erhöht werden. Was das für die Wege und die Natur am Gewässer bedeutet, bleibt abzuwarten.

Irgendwie haben wir es also geschafft, die Brücke 391, die vierte für uns, die Klein Förste mit Harsum verbindet, hinter uns zu lassen und es kann weitergehen. Hier ist es etwas freier als vorher. Links ein baumbestandener Hang, rechts ein nahezu freier Blick aufs Wasser. Im Sommer kann es hier aber spannend werden, wenn zum Beispiel Natternkopf, Ziest und andere interessante Pflanzen am Hang wachsen und gedeihen und auch die Gebänderte Prachtlibelle scheint sich hier wohlzufühlen. Mit der Eisenbahn-Brücke 390 erreichen wir die fünfte und letzte Brücke des Tages am Kanal und gleichzeitig das Harsumer Hafenbecken. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde bei Giesen Kalisalz abgebaut, wie man unschwer am weithin, auch vom Harsumer Hafen aus, sichtbaren Kalimandscharo erkennen kann. Schacht Siegfried bei Giesen und auch der Schacht Rössing – Barnten wurden mit einer Werksbahn mit dem Bahnhof Harsum verbunden, um das Kalisalz bzw. die daraus gewonnenen Stoffe zeitgemäß abtransportieren zu können. Der steigende Bedarf an Düngemitteln war wohl auch einer der Hauptgründe für den Bau des Stichkanals Hildesheim, in dessen Rahmen auch der Harsumer Hafen gebaut wurde. Von hier aus konnten die wertvollen Rohstoffe per Schiff in alle Welt verteilt werden. Im Jahr 1987 schloss das Kaliwerk Siegfried-Giesen seine Tore und die Bahnlinie verlor ihren Sinn. Trotzdem wurden die Anlagen, inklusive der Brücke über den Kanal, nicht abgebaut und so dient die Brücke heute Fußgängern, Radfahrern und wohl auch dem ein oder anderen Wildtier zur Überquerung des Kanals.

Harsumer Hafen (2017)

Harsumer Hafen (2017)

Es gibt aufgrund der günstigen Weltmarktlage für Düngemittel und der sehr hohen Qualität des Giesener Kalisalzes Pläne der K & S AG (ehemals Kali & Salz), den Betrieb in Siegfried Giesen wieder aufzunehmen und einen zweiten Kaliberg entstehen zu lassen. Seit 2015 läuft die Planung, es gibt massive Proteste von Bürgerinitiativen und Umweltverbänden und letztendlich wohl noch keine konkreten Hinweise darauf, ob und wann es eine Wiederinbetriebnahme geben wird. Wir folgen den verlegten Gleisen über die immer noch freigehaltene Brücke und biegen danach gleich links auf einen schmalen Waldpfad ab, der uns in ein kleines Waldstück führt. Auch hier wieder frühlingshafte Pracht. Nach wenigen hundert Metern geht es entlang der Bahngleise auf einen kurzen Abstecher in die flache „Rübenwüste“ der Hildesheimer Börde. Der Hafen in Algermissen ist zu sehen, die Türme der Zuckerfabrik in Clauen, die des Kraftwerks Mehrum und die Silhouette Harsums. Wir gehen zurück zum Hollenmeerholz, das wir durchqueren. Am Sportplatz des SC Harsum stehen zwei Privathäuser am Waldrand, auf der anderen Straßenseite das Waldgasthaus Zum Kuckuck. Hier kann man starten und auch einkehren oder im gemütlichen Biergarten sitzen. Man kann von hier aus auch noch einmal den schönen Weg auf dieser Seite des Kanals nehmen. Da wir auf der anderen Seite ausreichend Erfahrung mit der Brückenbaustelle gemacht hatten, gingen wir zuerst direkt am Kuckuck durch den Wald, ein Stück am Waldrand und dann auf einem Stichpfad zurück zum Kanal. Dem folgen wir noch ein kurzes Stück und nehmen dann endgültig Abschied. Noch einmal führen uns schöne Wege und Pfade durch ebenso schönen Laubmischwald. Ein paar Bänke laden zu einer letzten Rast ein, auch an der Marienkapelle, an der wir unseren Ausgangspunkt erreicht haben, stehen mehrere.

Am Ende eines Tages...

Alles in allem für uns eine immer wieder erstaunlich schöne Tour, die mal was anderes bietet. Schöne Natur, wo man sie so nicht unbedingt erwartet, schöne Wege im Wald, besonders im Frühling mit seinen zahlreichen Blüten und auch schöne Wege am Stichkanal. Dazu kleine kulturelle Sehenswürdigkeiten, was will man mehr? Vieles hätte noch geschrieben werden können, vieles kann weiter und tiefergehend recherchiert werden. Einen schönen Frühling für alle Wanderer durchs Leben und die fast überall einzigartig schöne Welt.

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