
St. Cosmas und Damian
Es sind ja nur ein paar Kilometer und die Busse werden nicht billiger, also machten wir eine unserer seltenen Rad-Wander-Kombis. Mit dem Drahtesel zum schönen Klosterteich Marienrode und von dort dann ab in den Wald. Die gesamte Wanderung befindet sich innerhalb der Stadtgrenzen und größtenteils innerhalb der Grenzen zweier schöner Naturschutzgebiete. Auf dem Kammweg von Lerchen- und Finkenberg erscheint es fast unmöglich, dass man sich gerade mal 2-3 Kilometer vom Stadtkern einer Großstadt entfernt befindet. Aber der Reihe nach. Über das Kloster Marienrode, dem ich garantiert auch noch einen Beitrag widme, will ich mich an dieser Stelle nur kurz äußern. Es wurde 1125 gegründet, 1806 säkularisiert und auf Bestreben von Bischof Homeyer im Jahr 1988 von Benediktinerinnen wiederbesiedelt. Das gesamte Klosterareal ist eine wunderbare, in sich geschlossene Anlage mit sehenswertem Baubestand, zu dem unter anderem die Kirchen St. Michael und St. Cosmas & Damian zählen. Im Umfeld des Klosters findet man ausgedehnte Gärten, den schönen Klosterteich und jeweils eine Wind- und eine Wassermühle. Von hier aus zu starten und hierher zurückzukehren, ist immer eine große Freude.
Um zurückkehren zu können muss man erstmal losgehen. Also einmal mitten durch den Kloster-Innenhof und auf der anderen Seite wieder raus. Nach ein paar Metern finden wir linker Hand das kleine Erbbegräbnis derer von Egloffstein. Hier ruhen Henriette Gräfin von Egloffstein und ihre drei Töchter aus erster Ehe. Sie war eine von zum Beispiel Herder und Wieland geförderte Schriftstellerin, die zeitweise zum Goetheschen Kreis in Weimar gehörte. 1804 ehelichte sie den hannoverschen General und Oberforstmeister Carl von Beaulieu-Marconnay, mit dem sie 1815 nach Marienrode zog. Beaulieu, für den weiter oben im Wald ein Gedenkstein steht, war maßgeblich an der Aufforstung des Berghölzchens und des Hildesheimer Waldes beteiligt. An der ruhigen Straße verlassen wir das ruhige Örtchen und marschieren in Richtung Hildesheimer Wald. Kurz nach Betreten des Waldes zweigen wir nach rechts ab, auf den ersten, aber wahrlich und wahrhaftig nicht letzten Pfad des Tages. Der ist wie einige andere auch beeinflusst von mehreren Faktoren, wie z.B. Wetter, Jahreszeit, Reiter, Mountainbiker oder Forstwirtschaft, mehr oder weniger begehbar. Da muss jeder für sich entscheiden, ob er mit dreckigen Schuhen und ein wenig rutschigem Eiertanz leben kann. Bei dieser Tour sollte man eh auf jeden Fall ein halbwegs funktionstüchtiges GPS-Gerät dabei haben. Dann gibt es für nicht akzeptable Wege eigentlich immer eine Alternative.

Das Naturschutzgebiet Gallberg
Auf dem schmalen Pfad geht es auf einen kreuzenden und breiteren, dann geradeaus wieder auf einen schmalen. Ein Geflecht aus solchen Wegen zieht sich hier durch den kleinen Wald – Orientierung ist gefragt. Noch einmal kreuzen wir einen Weg dicht an der Siedlung, dann wird es unkomplizierter. Wir nähern uns jetzt der Robert-Bosch-Straße, gehen bei erster Gelegenheit links auf den Radweg, ein Stück zurück bis in die Kurve und suchen den ziemlich versteckten Eingang in den Lerchenberg. Ich habe ihn ein wenig freigemacht beim letzten Mal, aber da muss mal freigeschnitten werden. Wenn man den Pfad gefunden hat, ist es aber leicht ihm zu folgen und der Weg hinter den Blättern ist es wahrlich wert ihn zu suchen. Hier beginnt der erste wirklich famose Wegabschnitt des Tages, der gleich zeigt wie viele schöne Wege es hier gibt.
Ein schmaler Pfad der Extraklasse folgt jetzt. Nach wenigen Metern geht es bereits rechts zum Naturfreundehaus und links zur Straße zurück. Wir bleiben unbeirrbar geradeaus, zumindest mehr oder weniger. Höchst empfehlenswert ist (nicht nur) dieser vordere Teil des Waldes im Frühjahr, wenn zwischen den Buchen, Eichen und Hainbuchen, die Leberblümchen und Buschwindröschen um Aufmerksamkeit buhlen. Ich weiß gar nicht was ich jetzt schreiben soll. Ich kann doch nicht dutzende Male hintereinanderschreiben „schöner Pfad, genialer Pfad, toller Pfad, geiler Pfad, wunderbarer Pfad etc.“. Aber es ist nun mal so. Über Stock und Stein geht es, mal etwas nach links, mal etwas nach rechts, mal etwas hinauf, mal etwas hinab. Ein wanderbarer Weg, ein wunderbarer Wald und nur zwei Augen, nur ein Herz. Wir kreuzen einen breiteren Weg, folgen dann kurz dem sich nach rechts biegenden Pfad zu einem Tümpel im Wald. Jetzt folgt bis zur nächsten Kreuzung eine Strecke auf einem naturnahen Schotterweg. Es gibt auch hier Pfade die abgehen, ich habe den Track aber auf die „handelsüblichen“ Wege gelegt. Wer mit GPS unterwegs ist und sich traut, kann einem der Pfade in die ungefähre Richtung folgen. Ein Tipp noch am Rande: Egal, wohin man sich wendet an diesem Höhenzug, man sollte auf gar keinen Fall den westlichen Hang hinabgehen, zum Beispiel zum Waldrandweg oberhalb von Sorsum. Der ist leider auf weiter Strecke zur Autobahn verkommen.
Für uns geht es zu einem kleinen Steinbruch, dann links hinauf zu einem Wasserhochbehälter unterhalb des Lerchenberges. Links am Zaun vorbei geht es wieder in einen fantastischen Wald auf einem … sagen wir mal genialen Pfad. Überall locken Pfade links und rechts, wir gehen auf dem „Hauptpfad“ weiter. Der bringt uns dann später, parallel zu einem breiten Weg, wunderbar zu einem großen Holzsammelplatz. Das sah vor vielen Jahren noch viel katastrophaler aus als heute. Hinter dem Platz geht es auf einem der Wege wieder in den dunklen Wald des Naturschutzgebietes „Finkenberg/Lerchenberg„. Man kann eine Weile dem mittleren Weg folgen, der Einfachheit und Schönheit halber sollte man sich aber gleich für den rechten Weg entscheiden, der uns auf den Kamm des Finkenberges führt. Wieder einer der oben schon genannten Pfade, der uns vergessen lässt, wo wir sind. Das ist Waldabgeschiedenheit, die man in unserer Gegend meistens suchen muss. Am Wegesrand wachsen hier vielerorts Massenbestände des Blauroten Steinsame. Auch die Türkenbundlilie oder einige Orchideen haben wir hier erspäht. Der Wald ist einer der nördlichsten Kalkbuchenwälder Niedersachsens und besitzt eine auch für das Laienauge unverkennbare Schönheit. Der Mischwald beherbergt neben Buchen und Eichen auch seltenere Waldbewohner, wie die Elsbeere, die Sommerlinde und den Feldahorn.

Im Kiefernwäldchen
Wir steigen den schönen Hangweg hinauf, an dem man zur rechten Zeit zahlreiche Orchideen bewundern kann. Gebäudereste zeugen noch von der ehemaligen Nutzung als Viehweide, Garten oder sogar Wohnsitz. Die Pflanzen- und Tierwelt ist hier herausragend (nicht nur) für den Hildesheimer Stadtraum. Ein paar Pflanzen, die mir aus eigener Erfahrung spontan einfallen, sind zum Beispiel die manchmal Überhand nehmenden Klappertöpfe und Schlüsselblumen, Klatschmohn, Acker-Rittersporn, Gelber Wau, Natternkopf, Thymian, Dost, Heil-Ziest, Grüne Nieswurz, Fransenenzian, Tausendgüldenkraut, Große Fetthenne, Helm-Knabenkraut, Stattliches Knabenkraut, Bienen-Ragwurz und Mücken-Händelwurz. Leider haben selbst wir als „Anwohner“ dem Gallberg weniger Aufmerksamkeit geschenkt als er verdient hätte. Aber heute gehen wir wandern und das beinhaltet, dass man sich oft nicht so viel Zeit nehmen kann wie man gerne möchte. Vom erklommenen „Kamm“ des Gallberges, dem wir jetzt zur Straße „Gallberg“ folgen, hat man einen herrlichen Blick in alle Richtungen. Linkerhand reicht der Blick weit in die Norddeutsche Tiefebene mit den wenigen Erhebungen, die sich noch aus selbiger erheben. Geradeaus kann man teilweise bis zur Landeshauptstadt Hannover schauen und rechter Hand hat man eine der schönsten Aussichten auf Hildesheim und seine Umgebung. Das macht die eh schon schöne Landschaft noch einmal schöner.
Am Fuß des Gallberges folgen wir kurz der Straße und biegen dann in den Weg „Klusburg“ ab. Auf der Ecke an der Schallschutzwand die günstig gelegenen Parkplätze für eine Exkursion oder die Wanderung. Ein paar hundert Meter geht es entlang des „grünen Neubauviertels“, dann biegen wir am Waldrand auf den eigentlich immer begehbaren Gras-Wiesenweg ab, der auf keiner Karte verzeichnet ist. Ein wunderbarer Weg, den man später auch verlassen kann, auf einen wenige Meter parallel im Wald gelegenen Pfad. Hier ergeben sich noch einmal schöne Aussichten auf den Gallberg selbst. Am Waldrand wird es etwas komplex. Es gibt hier einfach zu viele schöne Wege und Pfade, die ebenfalls (noch) nirgends verzeichnet sind. Im Notfall folgt man den eingezeichneten, die sind nicht minder schön als die von mir markierten Pfade. Unterhalb der Jugendherberge Hildesheim geht es durch einen abwechslungsreichen und urigen Wald zur Weiterführung der hier hinaufführenden Triftstraße. Das muss man einfach erlebt haben. Auf dem Rückweg der Tour sind wir zwar der Stadt viel näher, trotzdem gibt es Abschnitte, denen man nicht abnimmt, dass sie sich nur wenige hundert Meter Luftlinie vom pulsierenden Leben der Stadt entfernt befinden. An der Triftstraße, auf der wir von dem einem Pfad auf den nächsten Pfad wechseln, befindet sich eine weitere gute Möglichkeit zum Parken. Der berauschende Pfad führt uns zur Wilhelmshöhe. Hier kann man zum Beispiel dem gar nicht so kleinen Abschiedswald für Tiere einen kurzen Besuch abstatten, an dem auch eine nette Pausenbank wartet.

Kloster Marienrode
Empfehlenswert für jeden, der es noch nicht kennt oder sich nicht sattsehen kann an Hildesheim: Ein Abstecher zum Waldrand oder sogar zum einige hundert Meter weiter gelegenen Panoramablick, von dem aus man einen immer wieder erstaunlich „erhabenen“ Blick auf Hildesheim hat. Neben dem Blick vom „Andi“, dem Turm der St. Andreas-Kirche im Zentrum der Stadt, der wohl unbestritten schönste Ausblick auf die alte Bischofsstadt und ihre Umgebung. Hinter dem Tierfriedhof führt uns ein Pfad kreuz und quer durch den Wald auf einen grobsteinigen Weg, der in den Hauptwaldweg des Trockenen Kampes mündet. Gleich an der Einmündung ist eine Wiese, von der aus man den Brocken sehen kann. Ein Stückchen können wir noch auf einem parallelen Pfad gehen, dann müssen wir dem Hauptweg bis zur Robert-Bosch-Straße folgen. Nach der Überquerung geht es hinter dem Parkplatz am Sportplatz auf verschiedenen Wegen über den Klingenberg zum Waldrand oberhalb von Marienrode. An der Ecke steht eine freundliche Aussichtsbank, von der aus wir einen schönen Blick über Marienrode auf den Hildesheimer Wald und Tosmar haben. Der letzte wanderbare Pfad des Tages geleitet uns am Waldrand entlang. Der Baccenroder Stieg, den wir jetzt überqueren, erinnert daran, dass der Ort erst von den Zisterziensern in „Marienrode“ umbenannt wurde. Letztendlich gehen wir auf einem Weg hinab, der noch einmal einen Ausblick ins Innerstetal erlaubt. Vorbei an einem „Gestrüpp“, in dem mehrere Elsbeeren und eine Linde als Naturdenkmal ausgewiesen sind, geht es an der Klostermauer zum Klosterteich hinab, wo wir noch einen Abstecher zu den beiden ehemaligen Mühlen machen können, bevor wir die Tour auf einer der Bänke am Teich ausklingen lassen.
Am Ende eines Tages...
Natürlich geht mir zum Ende meiner Beiträge immer ein wenig die Puste aus. Es wird fast immer zu lang. Beiträge zu den einzelnen Aspekten dieser für „Hildesheimer Verhältnisse“ spannenden und schönen Wanderung vom Kloster Marienrode aus sollen später folgen. Natur und Kultur sind zumindest für uns ein sehr wichtiger Bestandteil der Wanderungen geworden. Im Zusammenspiel mit der immer wichtiger gewordenen Fotografie hat wohl alleine das dazu geführt, dass die Länge unserer Touren durchschnittlich von über 20 Kilometer auf unter 15 Kilometer gesunken ist. Früher hatten wir zum Beispiel so eine eingespielte Routine, nach der wir, damals beide noch starke Raucher, ca. jede Stunde bzw. 4 Kilometer, eine Rast eingelegt haben. Heute versuchen wir einen schönen Tag viel mehr zu genießen. Weniger laufen ist oft mehr erleben. Einfach mal stehenbleiben, einfach mal hinsetzen, hinlegen, nicht nach hinten schauen, nicht nach vorne, einfach mal diesen einen, einzig wichtigen Moment in vollen Zügen genießen. So, jetzt bin ich aber erstmal weg. Bis in ein paar Wochen oder so…
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