Die Innerste am Hüttenkamp

Die Innerste am Hüttenkamp

So! Die im letzten Jahr angekündigte Unterbrechung hat doch etwas länger gedauert als anfangs vermutet und ein leidensgerechter Job hat sich bisher nicht ergeben. Trotzdem gebe ich es nicht auf, noch einmal eine sinnvolle und anständige Tätigkeit zu finden. Jetzt kann ich mich endlich wieder verstärkt dem Wandern widmen, das gerade in den letzten Jahren immer mehr zur Hauptbeschäftigung geworden ist, eigentlich sogar zu noch mehr oder zu etwas anderem. Die autolose Zeit trägt dann noch dazu bei, die Art des Wanderns zu verändern. Sonst wäre uns die Idee einer solchen Streckenwanderung zwischen Langelsheim und Goslar wohl nicht wirklich gekommen. Fast unglaublich erschien es mir, dass wir diese Wanderung vor über sechs Jahren im späten Herbst als Runde gemacht haben sollen. Kinder, wie doch die Zeit vergeht! Dieses Mal als Strecke im frühen Frühling war es ein gänzlich anderes Erlebnis. Aber die ersten Touren im Frühling, wenn die Emotionen keimen und die Blümchen blühen, gehören sowieso oft genug zu den Highlights des Jahres. Los geht es am Bahnhof in Langelsheim. Sind das nicht die Momente, die für jegliche „Mühsal“ entlohnen, die man als Wanderer manchmal ertragen muss? Es ist verdammt nochmal Frühling! Endlich Sonne, endlich Wärme, endlich wieder Vögelchen und Blümchen und endlich wieder weniger als gefühlte fünfzehn Schichten Klamotten am Leib. Herrlich!

Langelsheim hat durchaus schöne Ecken und einiges, das sich zu entdecken lohnt. Wir begegnen davon auf dem Weg vom Bahnhof zur Innerste nur wenigen. Für uns gehört aber auch die Kultur zu den wichtigen Aspekten vieler Wanderungen und Langelsheim merkt man noch deutlich seine Historie als Bergbau- und Industrieort an. Das ist ein rauer Charme, den die Wohnsiedlungen der Mitte des 20. Jahrhunderts versprühen. So geht es vielleicht nicht gerade wanderbar zum Innersteufer, aber trotzdem interessant und erlebenswert, wenn man sich darauf einlassen kann. An unserem Heimatfluss, der hier bei Langelsheim seine Kinderstube Harz verlässt und immer noch schwer belastet ist, wird es dann schon deutlich freundlicher. Ein schöner Pfad führt entlang der begrünten Innerste, die hier breit und flach dahinströmt. So gelangen wir in das bei Langelsheim beginnende Naturschutzgebiet „Mittleres Innerstetal mit Kanstein“, das nach Verlassen des Ortes beginnt und sich bis fast vor die Tore unserer Heimatstadt zieht. Dort wo das Naturschutzgebiet endet bzw. beginnt, mündet auch das kleine Harzflüsschen Grane, das bei Hahnenklee entspringt, in die Innerste. Natürlich ist das hier keine uneingeschränkte Idylle, denn dafür befinden wir uns nahezu auf der gesamten Tour zu nahe an der vermeintlichen Zivilisation und ihren Einflüssen auf die Landschaft. Aber die Innerste als teils schwermetallbelasteter Fluss hat ebenso wie die in Richtung Braunschweig fließende Oker, einen in unserer Gegend ganz besonders erlebenswerten Charakter.

Der Burghügel am Kanstein

Der Burghügel am Kanstein

SAuf schönem Weg geht es für uns über zwei Brücken zum Kanstein. Hier kann man einem Weg am anderen Innersteufer zurückfolgen oder wenn man dem Kanstein näher kommen will, ein Stück an oder auf der Straße gehen. Auch der Kanstein ist keine mörderisch imposante Erhebung, passt aber perfekt in diese etwas andersartige Umgebung. Der Kanstein, auf dem sich einst die Kansteinburg erhob, musste unter menschlicher Einflussnahme leiden und ist mitsamt der Burgreste, für uns jetzt noch nicht sichtbar, in weiten Teilen einem Steinbruch zum Opfer gefallen. Als wir dieses Mal hier waren, es ist je nach des Schöpfers Wille mal Spätwinter und mal Frühfrühling, lagen nicht nur an den Hängen des Kanstein die letzten Schneebretter des relativ hartnäckigen Winters. An einer Infotafel zum Königsweg direkt an der Straße führt uns ein schmaler Pfad auf den Kanstein. Der ist nicht ganz leicht zu erkennen, ist aber zum Beispiel auf der OpenStreetMap eingezeichnet und mit einer entsprechenden Navigation findet man sich zurecht. Wir nutzen momentan z.B. Locus mit den tollen, kostenlosen Offline-Karten und Themes von OpenAndroMaps auf unseren zwei China-Smarties, so dass sich ausgedruckte oder gar gekaufte Karten mittlerweile zur Gänze erledigt haben.

Naturschutzgebiet Mittleres Innerstetal mit Kanstein

Naturschutzgebiet Mittleres Innerstetal mit Kanstein

Das 563ha große NSG „Mittleres Innerstetal mit Kanstein“, das seit 2008 ausgewiesen ist, erstreckt sich vom nordöstlichen Rand von Langelsheim bis zur Innerstebrücke bei Heinde. Zusammen mit den Naturschutzgebieten „Mastberg und Innersteaue“ und „Haseder Busch“ ist der Fluss auf gut der Hälfte seiner insgesamt knapp 100 Kilometer Länge als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Unter Schutz steht hier ein naturnaher, dynamischer Berglandfluss mit seinen typischen Abbruchkanten, Prall- und Gleitufern. Mehrere Auwald-Fragmente, ausgedehnte Uferstaudenfluren, Flussschotter-Magerrasen und viele kleine Nebenteiche und Gewässer prägen sein vielfältiges Erscheinungsbild. Als markante Punkte sind zum Beispiel zu nennen: Der Kanstein bei Langelsheim, die Schlackenhalde bei Bredelem, die Klärteiche bei Baddeckenstedt und die Fischteiche bei Derneburg. Die teils schwermetallbelastete und sauerstoffreiche Innerste beherbergt in ihren verschiedenen Flussabschnitten eine großartige und artenreiche Fauna und Flora. Auf den Schwermetallrasen wachsen z.B. Hallers Grasnelke, Hallers Schaumkraut und das Dreifarbige Stiefmütterchen. An den Gewässern leben z.B. Eisvogel, Schwarzstorch, Mittelsäger und die Wasseramsel.

Am Wartberg im späten Herbst

Am Wartberg im späten Herbst

Wir „erklimmen“ den Kanstein und den Hügel der ehemaligen Kansteinburg, über die leider nicht viel bekannt ist und die eventuell bald zur Gänze verschwinden wird. Die Burg wurde in karolingischer Zeit (8./9. Jahrhundert) als Etappenziel der Wanderkönige, als Fluchtburg oder zum Schutz mehrerer hier verlaufender Handelswege errichtet. Im 13. Jahrhundert fand sie erstmals Erwähnung, hatte da aber bereits deutlich an Bedeutung verloren. Reste der Burg sind im Gelände nicht erkennbar, aber man hat vom Burghügel, hart an der Abbruchkante des näher rückenden Steinbruchs eine tolle Sicht auf die Umgebung. Es geht über die karg anmutenden Wiesen des Kanstein, auf denen später aber wesentlich mehr los sein sollte. Jetzt im März entdeckten wir lediglich die leicht zu übersehende, winzige, aber auch schöne Galmei-Frühlings-Miere, die zu den Galmeipflanzen zählt und im und am Harz ihr größtes Ausdehnungsgebiet in Deutschland hat. Etwas abseits unseres Weges am Fuß der Hügel liegt der Fischzuchtbetrieb „Der Fischmeister“ mit Angelteichen, Außer-Haus-Verkauf und Restaurant. Ohne oder nach einer Einkehr geht es vorbei an einem kleinen, aufgelassenen Steinbruch mit ebenfalls interessant anzunehmender Flora. Dann erreichen wir den Fuß des Kansteins und streben auf dem schönen Waldrandpfad gen Osten. Unzählige kleine, manchmal noch im Gelände erkennbare Abbaugebiete prägen den abwechslungsreich bestandenen Hügelhang. Ein sehr schöner Weg durch eine etwas karg anmutende, aber trotzdem irgendwie sehr anmutige Gegend. Ab und zu steht auch mal eine Bank am Wegesrand, um die sich hier sammelnde Wärme und Windstille und die umgebende Vorharzlandschaft genießen zu können.

Eigentlich quatschen wir ja eher nicht so viel beim Wandern, aber an diesem Tag hatten wir wohl Frühlingsgefühle und bogen beim Quasseln auf den „falschen“ Weg ein. Als wir das merkten, war dieser aber schon viel zu schön um noch zurückzukehren. Es geht hier nämlich, die nachträgliche Recherche ergab Gewissheit, oberhalb des Gleisbetts einer alten Bahnlinie entlang. Dieser ehemaligen Bahnstrecke Vienenburg-Langelsheim sind wir auch schon früher begegnet, zum Beispiel bei Wanderungen am Harly, am Kloster Wöltingerode und sehr beeindruckend in einem kleinen Waldstück bei Immenrode. Auf einem schönen Weg wartet eine Bank am Ende, bevor es wieder zum Fuß des Berges geht. Der Wartberg repräsentiert die Gegend hier zum Schluss noch einmal von ihrer allerschönsten Seite. Alter Knorreichen-Birken-Graswald flankiert unseren Weg aufs Feinste und führt am Ende zu einer schönen Aussichtsbank unter Kiefern. Jetzt folgt der nächste Abschnitt, in dem es durch eine offene Feldlandschaft zum Gut und Kloster Riechenberg geht. Das Kloster Riechenberg wurde 1117 von der Familie des Subdiakons des Goslarer Stifts St. Simon und Judas („Dom“) gestiftet. Nach Jahrhunderten des wechselnden Wachstums und Niedergangs, wurde das Kloster 1803 säkularisiert und die romanische Kirche 1818 zur Gewinnung von Baumaterial abgerissen. Das Gut wird immer noch landwirtschaftlich genutzt, auf dem Gelände des „Restklosters“ lebt heute eine evangelische Gethsemane-Bruderschaft. Durch die Rosenpforte kann man zwischen Mai und Oktober jeden Dienstag um 15 Uhr das Klostergelände und die Krypta besuchen, die zu den schönsten in Norddeutschland gezählt wird. Auch die Reste der Stiftskirche und der Landschaftsgarten sind einen Besuch wert. Wer nur die Führung von der Rosenpforte aus mitmachen möchte, findet an der B82 zwischen Goslar und Langelsheim einen passenden, zu Stoßzeiten auch nicht ungefährlich erreichbaren Parkplatz.

Krokusmeer im Stadtgarten

Krokusmeer im Stadtgarten

Mit Besichtigung oder ohne, am Kloster geht es immer an der Wand lang. Die Klostermauer ist im westlichen und südlichen Bereich noch erhalten und geleitet uns vom Gelände. Jetzt wird es erstmal durstig, denn wir müssen durch die Feldmark, über die Verbindungsstrecke zwischen den Bundesstraßen 6 und 82, unter der Eisenbahn hindurch und gelangen dann zum Goslarer Stadtfriedhof. Der ist durchaus sehenswert und wer mag, kann die Strecke hier ändern. Den schönen Weg über den mitten im Ort liegenden Kattenberg sollte man aber schon nehmen. Wir dachten, das wäre ein Park, aber es handelt sich wirklich um ein Waldstückchen, das irgendwie der menschlichen Umtriebigkeit entkommen ist. Wir kommen vom Kattenberg direkt in den kleinen Stadtgarten mit seiner Minigolf-Anlage. Eine Augenweide war der kleine Park bei unserem Besuch im März, denn Abertausende von verschiedenfarbigen Krokussen überzogen die Rasenfläche. Für uns zum Abschluss noch einmal ein Grund, nicht immer nur die Abgeschiedenheit zu suchen. Denn auch in Städten wie zum Beispiel Goslar gibt es an (fast) jeder Straßenecke etwas zu entdecken. Wir kommen zum Odeon-Theater, das jetzt seit Jahren im Dornröschenschlaf des langsamen Verfalls liegt bzw. noch steht. Das Gebäude entstand im 19. Jahrhundert und hier gründete sich zum Beispiel 1950 die Bundespartei der CDU und wählte ihren Bundesvorsitzenden Konrad Adenauer. Ein Haus mit ansehnlicher Geschichte und ungewisser Zukunft. Durch einen Fußgängertunnel gelangen wir schließlich zu unserem Ziel am Goslarer Bahnhof, der wohl mit seiner Architektur nicht nur zufällig an einige Gebäude der Stadt erinnert.

 

Am Ende eines Tages...

Das war wieder eine der sehr spannenden Touren rund um die alte Kaiserstadt Goslar. Unsere Touren am Sudmerberg, am Steinberg, am Rammelsberg und am Bollrich, sind ja leider letztes Jahr verloren gegangen und müssen beizeiten wiederholt werden beziehungsweise aus der Erinnerung neu eingestellt werden. Wer schöne und für (Nord)Deutschland außergewöhnliche Natur mit faszinierender Kultur verbinden will, dem sei die nähere Umgebung der Welterbestadt Goslar, einer der Perlen Niedersachsens, aller wärmstens empfohlen.

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