Als wir 2011 unseren ersten Rhön-Urlaub planten, wollten wir ebenso vorgehen wie bei uns in der Heimat. Wir wollten mithilfe von Online-Karten eigene Touren zusammenstellen und wandern. Das konnten wir uns aufgrund mangelnder verzeichneter Wege aber schnell abschminken. So fuhren wir also nur mit dem mehr zufällig erworbenen Heft zu den Extratouren der Rhön in unser Ferienhaus „Familie Morzeck“ in Oberweid und wollten uns eventuell noch Karten vor Ort besorgen. Langer Rede kurzer Sinn: Uns wurden die Extratouren empfohlen, wir folgten der Empfehlung, brauchten aufgrund der extrem hervorragenden Beschilderung nicht mehr als das mitgeführte Heft und waren endlos begeistert von der Rhön. Wir erwanderten damals den Hilderser, den Meininger, den Gebaweg, die Museumstour, den Point-Alpha-Weg und das Rote Moor. Die Hochrhöntour hatten wir bereits 2009 gemacht, als meine Beste mich während meiner Reha in Bad Bocklet besuchte. Wir wollten auch schon längst wieder hierherkommen, aber manchmal macht einem das Leben einen mehr oder weniger fetten Strich durch die Rechnung. So dauerte es also fast 11 Jahre bis zu unserer Rückkehr in das Land der offenen Fernen. Viel hatten wir uns vorgenommen für dieses Mal, auch einige der längeren Touren sollten wiederholt werden. Allerdings hatten wir bei der Anreise bereits beide eine Erkältung, einschränkende orthopädische Probleme und der Wettergott war uns auch nicht allzu gewogen. So waren wir gezwungen, die Sache etwas ruhiger angehen zu lassen. Trotzdem absolvierten wir in der Rhön und angrenzenden Landschaften an acht Tagen acht Wanderungen. Namentlich waren das die Extratouren Ulmensteiner, Ostheimer, Hilderser, Hochrhöntour und Milseburg. Dazu kamen dann noch selbst erstellte Touren an der Trimburg, an der Ruine Homburg und auf dem Heimweg der nordhessische Premiumweg P20 – Ulfener Karst. Was kann ich anfangs bereits sagen? Es war trotz aller Widrigkeiten ein vollkommen sensationelles Erlebnis und hätte alles völlig gepasst, wären wir wohl nie wieder nach Hause gefahren!

Blick in die Rhön
Da unser Basecamp im „Eulennest“ bei Hilders nur knapp 250 Kilometer von zu Hause entfernt ist und wir die Gegend bis dort schon ganz gut kennen, war für den ersten Tag gleich eine kurze Runde geplant: Der Ulmensteiner. Der sollte uns einstimmen auf die Rhön und das tat er mehr als vorzüglich. Zudem hatten wir an diesem Tag das „beste“ Wetter des Urlaubs. Vom sogenannten Deutschen Wanderinstitut hat diese Extratour gewaltige 80 Punkte bekommen und zählt damit, zusammen mit der Hochrhöntour und der Tour an der Milseburg, zu den auf dem Papier erlebnisreichsten Wegen in der Rhön. Ich halte nicht viel von einer „wissenschaftlich“ anmutenden Sicht auf das Wandern, muss aber zugestehen, dass dieses Punktesystem eine gute Richtschnur für die „schönsten“ Wanderungen in der Rhön sein kann. Wenngleich auf meiner Karte unten nicht viel zu sehen ist, ist hier der Weg das Ziel und fast jeder Meter kann und darf genossen werden. Starten wir diese kleine, aber sehr feine Runde in der hessischen Rhön vom Parkplatz nördlich des Linsberges. Auch von hier hat man bereits eine eingeschränkte Aussicht in die zu erwartende Landschaft. Zuerst geht es allerdings auf einem schmalen Pfad in den Wald, der bereits nach wenigen hundert Metern Erstaunliches zu bieten hatte. Vier Orchideenarten standen hier bereits am Wegesrand. Für denjenigen, der das botanisch „karge“ südliche Norddeutschland gewöhnt ist, kann es zu einem „Naturschock“ kommen. Weißes Waldvöglein, Stattliches Knabenkraut, Waldhyazinthen und Vogel-Nestwurz in einem einzigen, recht kurzen Waldstück. Danach geht es dann erst einmal hinaus in die prächtige Landschaft und die immer wieder herrlichen Aussichten in die Rhön lenken vom Betrachten des Fußbodens ab. Eine zentrale Rhön gibt es im engeren Sinn ja gar nicht, aber selbst Ortsunkundige können irgendwann die Gipfel von Milseburg und Wasserkuppe deutlich vom Rest unterscheiden.
Es geht raus in die Wiesen oberhalb von Hofaschenbach und der Reigen an Orchideen geht weiter. Zuerst erwartete uns die in unseren Breiten nahezu unauffindbare Bocks-Riemenzunge, die wir bislang lediglich in einem kleinen Gebiet zwischen Groß und Klein Lengden erblicken durften. Für meine Beste, die bereits vor Jahren von Massenbeständen in den Weinbergen bei Bad Neustadt an der Saale berichtet hatte, war es keine große Überraschung. Etwas später sollten uns dann auch noch etliche Exemplare des bereits weitestgehend verblühten Purpur-Knabenkrauts begegnen, einige Zweiblätter und sogar die ersten Austriebe der Mücken-Händelwurz. Auf einer neun Kilometer langen Tour am ersten Tag bereits sieben Orchideenarten. Das muss man erst einmal verdauen. Die vielen tollen anderen Pflanzen sollen aber ebenfalls nicht in Vergessenheit geraten. Denn die Rhöner Bergwiesen, insbesondere im Biosphärenreservat Rhön, suchen nicht nur in Deutschland ihresgleichen. Eine solche Blütenpracht, wie wir sie in den nächsten Tagen erleben sollten, kennen wir nur von den wenigen Resten der Oberharzer Bergwiesen, besonders ausgeprägt zum Beispiel bei Sankt Andreasberg. In Kombination ist diese liebliche, offene, bunte Landschaft mit ihren weiten Aussichten schon etwas sehr Besonderes und darf in vollen Zügen genossen werden. Wir gehen etwas den Berg hinab bis ins Ried, wo uns eine hilfreiche Infotafel darüber Auskunft erteilt, dass in diesem fruchtbaren Tal, das seit ewigen Zeiten besiedelt ist, einst auch Weinbau betrieben wurde. Dann geht es wieder ein wenig hinauf und knapp oberhalb des Ortsrandes von Hofaschenbach erwartet uns die schöne Linsbergkapelle. Das auch im Inneren sehenswerte Gebäude ist den 14 Nothelfern geweiht und wurde 1744 auf Betreiben des Haselsteiner Pfarrers und einer Wirtin aus Hofaschenbach errichtet. Ein tolles Fleckchen Erde mit einem umfangreichen Rast- und Pausenplatz.

Blick nach Oberaschenbach
Ortskundige Führer hätten wahrscheinlich tausend Geschichten zu erzählen, als „Zugereiste“ nehmen wir mit den Informationen Vorlieb, die uns am Wegesrand zuteilwerden. Hinter der Kapelle geht es weiter zu einem der Himmelsschauplätze der Rhön. Hier kann man mit verschiedenen Hilfsmitteln den Tag- und Nachthimmel beobachten und sich unter anderem auch über die zunehmende Lichtverschmutzung unseres Nachthimmels informieren. Aussichtsreich geht es weiter für uns. Immer wieder sind auch botanische Besonderheiten zu entdecken. Hinter einem kleinen Waldstück geht es in ein Trockenrasengebiet vom Feinsten, mit Wacholder und allerlei Bestaunenswertem in Sachen Fauna und Flora. Zentral gelegen steht im Gebiet eine weitere Kapelle, die Laurentiuskapelle. Auch hier darf man eintreten und rasten und diesen Ort, auch die Kürze der Tour macht es möglich, ausgiebig genießen. Die Wege und Pfade dieser Runde spotten nahezu jedem Beschreibungsversuch und darum belasse ich es bei der abschließenden Bemerkung, dass es hier einfach fast durchgehend fantastisch ist. Durch die herrliche Landschaft steigen wir zum Wald des Ulmensteins auf. Im Wald erwarteten uns die ersten, aber beileibe nicht letzten aus Lesesteinen gebildeten Mauern oder Haufen der Rhön. Hier im Wald muten sie etwas seltsam an, aber vielleicht handelt es sich um in früheren Jahrhunderten offene Gebiete, die heutzutage wegen Aufgabe der damaligen Nutzung wieder vom Wald zurückerobert wurden. Auf tollen Waldpfaden gelangen wir in das schöne Gebiet des ehemaligen Basaltsteinbruchs am Ulmenstein. Hier zeigt sich ein weiteres Charakteristikum der Rhön, ihr vulkanischer Ursprung. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde hier kurzzeitig Basalt abgebaut, bis Wassereinbrüche und Unwirtschaftlichkeit zur Aufgabe des Betriebs führten. Am nördlich gelegenen Suhl wird bis heute unter leichteren Bedingungen Basalt abgebaut. An diesem beschaulichen Fleck kann man noch eine abschließende Rast einlegen, bevor es auf die kurze Strecke zurück zu unserem Ausgangspunkt geht.
Am Ende eines Tages...
Wow! Was für ein Einstieg in den Rhön-Urlaub! Eine kurze Beschreibung wieder einmal und eine kurzweilige Tour, die alles zu bieten hat, was man sich wünschen kann. In der Kürze liegt die Würze. Der Urlaub ist bereits einige Zeit vorbei, wir waren viel wandern und darum verblassen bereits etliche Erinnerungen an kleine Begebenheiten am Wegesrand. Aber der Ulmensteiner wird uns lange, vielleicht immer in Erinnerung bleiben. Wir wussten, dass die Rhön schön ist und viel zu bieten hat. Hier wurde uns erst wieder richtig bewusst, wie viel das ist…
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