Vor vielen, vielen Jahren, fast Jahrzehnten schon, damals noch ohne Auto, planten wir eine Komplettbegehung der Gegenden entlang der Bahnlinie Hildesheim – Goslar. Von Hildesheim sollte es nach Groß Düngen gehen, von dort dann nach Derneburg, nach Baddeckenstedt, nach Ringelheim, und letztendlich von Ringelheim nach Goslar oder umgekehrt. Alle diese Touren gingen wir irgendwann auch, bis auf die abschließende Wanderung in die alte Kaiserstadt am Harzrand. Denn so schön Goslar auch sein mag, den Weg aus der Stadt hinaus und bei Hohenrode dann noch eine zweite „Durststrecke“, das war uns selbst damals einfach zu viel. Jetzt endlich, wieder angewiesen auf den ÖPNV, gechillter als damals, fanden wir endlich den Draht und kamen endlich auf die glorreich einfache Idee, mit dem Bus hinaus aus der „Adlerstadt“ zu fahren, und hinein ins „Hahndorf“. Trotz der immer noch vorhandenen „Durststrecke“ zwischen dem Schäferstuhl und den historischen Brücken an der Innerste ist das eine über weite Strecken sehr schöne Wanderung durch sehr unterschiedliche Landschaften, die von ihrer ehemalig vorrangigen Nutzung durch den Bergbau zeugen, aber auch in hohem Maße von einer Natur, die (nicht nur) in unseren Breiten ihresgleichen sucht…

Am Forsthaus Döhrenhausen

Am Forsthaus Döhrenhausen

Los geht es an der Bushaltestelle „Hahndorf-Nord“, gleich am Ortsrand gelegen. Von hier aus wandern wir ein paar hundert Meter an der K32, dann gelangen wir auf einen schmalen Pfad, der uns ins „Morgenstern-Revier“ bringt. Vom gleichnamigen Tagebau bekommen wir nichts mit, aber das ist wohl auch besser so. Denn die ehemalige Grube wurde nach ihrer Aufgabe in den 1960ern unter den nicht sehr wachsamen Augen der zuständigen Behörden einige Jahre als (Gift-)Müllgrube genutzt und ist bis heute nicht saniert. Am Parkplatz Morgenstern mit Rastmöglichkeit wenden wir uns also lieber nach links in Richtung des ehemaligen Forsthauses Döhrenhausen. Das kaum noch wiederzuerkennende Gebäude erreichen wir über eine Freifläche. Gleich daneben auf der anderen Straßenseite, erkennt man Gebäude des ehemaligen Schachtes am Glockenberg, der zur Grube „Georg-Friedrich“ gehörte. Wir wenden uns rechts in einen freundlichen Wald, der uns in das Gebiet der 1967 eingestellten Erzgrube Barley führt, das 1985 unter Naturschutz gestellt wurde und heute ein wichtiges Biotop mit Kleingewässern darstellt. Wir haben zwar visuell nicht viel davon, denn die langgezogene „Schlucht“ ist mittlerweile fast vollkommen von dichter Vegetation bedeckt, aber das ist wohl umso besser für die vorhandene Tier- und Pflanzenwelt.

Hinterm NSG Barley geht es freundlich weiter in Richtung Grubengelände Fortuna, das wir aber nicht ganz erreichen. Wer sich dort umsehen will, beachte bitte, dass sich hinter dem mehr oder weniger vorhandenen Zaun ein Privatgelände befindet. Für uns geht es auf einem schmaler werdenden Pfad zum Mausebrunnen, einer schönen im Wald gelegenen Anlage, an der sich eine Rast anbietet. Früher versorgte die Quelle den Ort Heißum mit Trinkwasser und jedes Jahr zu Pfingsten wird hier wohl immer noch das Mausebrunnenfest gefeiert. Ein paar Schritte in Richtung Waldrand, dann nicht den schmalen Einstieg nach rechts verpassen, schon geht es auf den Damm des Fortuna-Teichs, eines ehemaligen Absetzteiches der Erzaufbereitung. Ein schmaler Pfad führt uns an dem meistens komplett ausgetrockneten und auch kaum bis gar nicht mehr einsehbaren Teich entlang. Am Ende des Dammes treten wir heraus in die Offenlandschaft der Gebiete, die hier so vorzüglich von der „Natur- und Umwelthilfe Goslar“ betreut werden. Vom Hirschberg geht es zum Backenberg, von dem aus man schon einen schönen Blick über das Tal der Innerste bis zu den Ausläufern des nördlichen Harzes hat. Das kann man erstmal genießen und auf sich wirken lassen, bevor man sich dann mit der näheren Umgebung beschäftigt.

Ehemalige Gipskuhle Othfresen

Ehemalige Gipskuhle Othfresen

Was uns zwischen dem Hirschberg im Süden des Gebietes und dem Flöteberg im Norden nun erwartet, spottet im Grunde jeglicher Beschreibung. In manch anderer Gegend der Einen Welt, auf der wir alle leben, gibt es mit an Gewissheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch viel reichhaltigere Landschaften. Für den südniedersächsischen Raum besitzt dieses Fleckchen Erde schon eine besondere Schönheit. Da es auf der höchst informativen Website der „Natur- und Umwelthilfe Goslar“ mehr als ausreichendes, kostenloses und preisgünstiges, in beiden Fällen spannendes und tiefgehendes Informationsmaterial gibt und ich eh irgendwann einen „kostbaren“ Beitrag dazu machen möchte, lasse ich mich an dieser Stelle gar nicht erst groß über die zu erlebende und bestaunende Vielfalt aus. Das sollte man im Wandel der Jahreszeiten einfach mal selbst erlebt haben. Einige Fotos in der Galerie zeugen von einigen Begegnungen, die wir (fast) nur während dieser einen Wanderung hatten. Los geht es für uns am Hirschberg und dann am Backenberg, der sich durch seine große Streuobstwiese und schöne Aussichten in die nähere und weitere Umgebung auszeichnet. Hier steigen wir erst einmal hinab bis an den Ortsrand von Heißum und wenden uns dann nach rechts in Richtung der Grevelquelle und der ehemaligen Gipskuhle von Othfresen.

Vor der Grevelquelle ragen links von uns die Überreste eines Steinbruchs auf, dessen Gelände noch in privater Hand ist. Wer möchte, kann natürlich auch dem schönen und aussichtsreichen Weg am Feldrand folgen, der schnurstracks durch die hügelige Landschaft führt, aber nicht an der Gipskuhle vorbei. Die Grevelquelle ist meistens nicht großartig zu erkennen, der Teich hingegen schon. An ihm vorbei geht es für uns in Richtung Gipskuhle, die wir über einen Feldweg erreichen. An der Kreuzung am Hainbach erkennt man noch den Damm der alten Grubenanschlussbahn, auf der bis zur Fertigstellung des Schroeder-Stollens die Erze von der Grube Fortuna abtransportiert wurden. Die kleine, in der umgebenden Landschaft durch den weiß-roten Kontrast noch interessanter wirkende ehemalige Gispkuhle steckt voller Überraschungen, die erkundet werden wollen. Einen Rastplatz gibt es leider nicht, so dass es uns weiterzieht zum Galgenberg, der die einzige, dafür aber auch herrliche Bank auf dem „oberen“ Weg bietet.

Am Fuß des Schäferstuhls

Am Fuß des Schäferstuhls

Auf dem Weg dorthin erlebt man meistens fantastisch reichhaltig blühende Wiesen und Hänge. Massenbestände z.B. an Wiesen-Salbei, Saat-Esparsette, Wegwarte oder Kornblume sind keine Seltenheit. Zum Galgenberg, auf dem früher mit hoher Wahrscheinlichkeit wirklich gehenkt wurde, geht es ein wenig mehr hinauf, dafür wird man mit einer tollen Rundumsicht belohnt. Sollte nicht gerade der Wind wie so oft etwas stärker pusten, ist das ein Premium-Pausenplätzchen. Zwischen dem Galgenberg und dem Flöteberg hindurch, der vom Passweg durchschnitten wird, geht es hinaus aus diesem besonderen Teil des sowieso schon schönen Salzgitter Höhenzuges. Auf der anderen Seite der Landstraße weist ein Schild auf einen hier gefundenen elbsuebischen Urnenfriedhof aus dem 3. Jahrhundert hin, der aber nicht zu besichtigen ist. Einige hundert Meter weiter östlich, gegenüber der Bergarbeitersiedlung Heimerode, befinden sich die Überreste des Schachtes Bismarck, an denen wir heute auch nicht vorbeikommen.

Für uns geht es zum Lungenprüfer des Tages, dem Bärenkopf. Der Gipfel ist auf alten Karten noch als Naturdenkmal mit Aussicht ausgewiesen, später stand hier sogar ein Aussichtsturm. Davon ist leider nichts mehr vorhanden, lediglich einige Mauerreste am Wegesrand zeugen von eventuell vorhandenen, früheren Bauwerken. Trotzdem führt dieser immer schmaler werdende Pfad durch eine Waldlandschaft, die etwas Besonderes hat und der man die höhere Aufmerksamkeit früherer Zeiten durchaus noch anmerkt. Auf jeden Fall für uns eine spannende Erstbegehung dieses schönen Weges. Der folgende Kammweg auf den Sieben Köpfen zeugt schon mehr von aktueller Nutzung, ist aber trotzdem interessant. Zur rechten Zeit wachsen hier z.B. Grüne Nieswurz und Bärlauch en masse und am rechten Wegesrand kann man mit scharfem Auge einige Überreste der ehemaligen Grube „Ida-Bismarck“ erkennen. Wer sich das Gebiet auf der tollen „Niedersächsischen Umweltkarte“ des Niedersächsischen Ministeriums für Umwelt usw., mit dem Hintergrund „DGK5 historisch“ ansieht, kann die Ausmaße des ehemaligen Grubengeländes gut erkennen, in dem sich auch die Reste der Grenzlerburg befinden, einer mittelalterlichen Wallburg. Auf einer eh schon nicht gerade kurzen Wanderung sind solche Exkursionen natürlich zu viel, so dass wir eine Erkundung auf einen späteren Zeitpunkt verschieben müssen.

Schloss Ringelheim

Schloss Ringelheim

  • ca. 940 – Ringelheim wird als freie Reichsabtei und Kanonissenstift, vom Immedinger Immad gegründet
  • 1150 – Nach „weltlichem und geistigem“ Verfall Übergabe an das Bistum Hildesheim und Umwandlung in ein Benediktinerkloster
  • 1803 – Nach wechselvoller Geschichte, erfolgt die Säkularisation und die Schenkung von König Friedrich Wilhelm III. an den Grafen von der Schulenburg-Kehnert
  • 1817 – Verkauf des Klosters an Graf Johann Friedrich von der Decken, der das Konventsgebäude in ein Herrenhaus umbaut
  • 1937 – Im Besitz der Reichswerke „Hermann Göring“, die hier ihren Verwaltungssitz einrichten
  • 1942 – Verpachtung an die LVA Braunschweig, Nutzung als Lungenheilstätte. Später Nutzung als Fachabteilung des LKH Königslutter
  • Seit Ende der 1990er Jahre steht das Schloss leer und harrt der Dinge, die da noch kommen mögen…

Wir waren ja noch nicht ganz sicher, wo wir letztendlich am zu Salzgitter-Gitter gehörenden Schäferstuhl absteigen. Der für die „Waldterminatoren“ angelegte Weg vor uns und die Tatsache, dass ein Abstieg am Flugplatz Schäferstuhl wegen des möglichen Luftverkehrs sowieso immer etwas knifflig ist, nahmen uns die Entscheidung ab. Bleibt nur zu hoffen, dass die Forstholzindustrie ihren Abrissschrott hier nicht noch weiter in den Wald schüttet. Auf einem wanderbar schmalen Pfad geht es für uns also hinab zum Waldrand, von dem aus man sogar einen Ausblick zum Brocken hat. In südlicher Richtung kann man die an der Bahnstrecke gelegenen, heute noch genutzten Überreste der Zeche „Ida-Bismarck“ erkennen. Am Fuße des oft „windgepeitschten“ und landschaftlich schönen Schäferstuhls geht es jetzt auf die einzige Durststrecke des Tages. Durch die Feldmark gelangen wir zuerst ans Gelände des ehemaligen Schachtes Georg, dann geht es nach Hohenrode. Vor den Bahngleisen führt ein mehr oder weniger verkrauteter Trampelpfad an den Gleisen entlang. Die einzige, eigentlich nicht hinnehmbare Alternative wäre hier allerdings die oft stark befahrene L498.

Im Schlosshof Ringelheim

Im Schlosshof Ringelheim

So übel ist der Weg eigentlich gar nicht, wenngleich es schönere gibt. Über die Gleise geht es noch ein paar Meter auf der Straße, dann haben wir die erste der beiden historischen Brücken des Tages erreicht, die Brücke über den Mühlgraben. Ebenso wie die Franzosenbrücke wurde auch diese Brücke erstmals 1593 von Herzog Heinrich Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel in Auftrag gegeben. Beide Brücken wurden mehrfach durch Mensch und Natur zerstört, das heute existierende Bauwerk über den Mühlgraben ist von 1775. Ihre „große“ Schwester, die dreibogige Franzosenbrücke, ist in ihrer heutigen Form aus dem Jahr 1819 bzw. 1866. Zwei schöne Bauwerke, oft besucht von Hundespaziergängern und heute auch von Wanderern. Vor der zweiten Brücke geht es für uns in einen schönen Abschnitt des Naturschutzgebietes „Mittleres Innerstetal mit Kanstein“. Sehr naturbelassen wirkt unser Heimatfluss hier in seinem mittleren Abschnitt.

Kein Wässerchen scheint die gelassen und leise murmelnd vor sich hinfließende Innerste trüben zu können. Aber stille Wasser sind tief, was der als Harzflüsschen entspringende Fluss gerade im Juli 2017 mit einem weiteren Rekordhochwasser unter Beweis gestellt hat. Der Abschnitt zwischen der Franzosenbrücke und dem Schloss Ringelheim gehört zu den wirklich schönen Abschnitten an der Innerste, die mit solchen aber auch nicht gerade geizt. Durch eine schöne, fast natürlich anmutende Auenlandschaft, erreichen wir schließlich das Schlossgelände Ringelheim, das wir mehr oder weniger erkunden können. Der Schlosspark ist klein aber fein und frei zugänglich. Das Schlossgelände mit dem Schloss selbst, der angeschlossenen ehemaligen Klosterkirche St. Abdon und Sennen, der Schlossmühle und dem etwas versteckten Taubenturm, ist durchaus sehr sehenswert. Unter dem Korngang hindurch verlassen wir schließlich das Gelände und erreichen nach wenigen hundert Metern den Bahnhof Ringelheim.

Am Ende eines Tages...

Vielleicht sind wir mit den Jahren anspruchsloser geworden, vielleicht anspruchsvoller, vielleicht irgendetwas dazwischen. Aber auch diese Wanderung in unserer in den letzten Jahren neu entdeckten, näheren Heimat war für uns sehr schön. Abwechslungsreiche Landschaften, viel Natur, viel Kultur, vor allem viele Relikte des Bergbaus und mehr. Vor einigen Jahren hätte ich noch felsenfest behauptet, dass ich niemandem auch nur im Entferntesten raten könnte, im Raum zwischen Hildesheim und Harz einen Wanderurlaub zu machen. Nach eingehender Erkundung spannender Gegenden, wie z.B. dem Alfelder Bergland, der Innerste oder dem Salzgitter Höhenzug, muss ich mal wieder Asche auf mein Haupt streuen. Vielleicht kommt es auch einfach mit dem steigenden Lebensalter so, dass das Bedürfnis sinkt, das Gute immer in der Ferne suchen zu wollen…

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