Nur 9 Kilometer? Das hätten auch wir vor 20 Jahren noch gedacht, als wir es gerade mal im Winter schafften, weniger als 20 Kilometer zu laufen. Da liegt der Hund begraben und der Hase im Pfeffer. Wir liefen. Heute wandern wir und das bedeutet zumindest für uns, dass wir langsam gehen. Slow hiking – Flow hiking. Viele Pausen machen, Momente genießen, Vielfalt zulassen, das Große im Kleinen bestaunen und letztendlich unbekanntes Terrain irgendwann zu unserer Heimat machen. Wo wir gehen, stehen, sitzen oder liegen und nicht mehr wegwollen, sind wir zu Hause. Auf diesen knapp 9 Kilometern gibt es so viel zu erleben, dass es vollkommen unsinnig wäre, hier in Rammgeschwindigkeit durchzubrettern und vielleicht noch die ganze Zeit über die Probleme der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu palavern. Das ist eine kurze genussvolle Tour für Hier und Jetztler, die nicht irgendeinem Anspruch hinterherlaufen, irgendeine Erwartung erfüllt haben wollen oder sich irgendein Heftchen vollstempeln müssen, nur um irgendeinen absurden Titel zu erlangen, wie zum Beispiel Turbo-Wanderkaiser. Man kann die Wanderung noch ganz sinnig mit dem Kloster Michaelstein und seinen wunderbaren Teichanlagen verbinden. Als Verbindung zwischen den beiden Runden fungiert dann der eigentlich nicht mehr so richtig existierende Mühlenwanderweg. Dann käme man je nach Ausweitung der Runde auf 15 bis 20 Kilometer. Da das Kloster und seine Umgebung aber ebenfalls viel zu bieten haben, würde ich empfehlen, in der Gegend lieber eine Extratour einzuplanen. Man kann die heutige Tour natürlich auch noch durch einen Besuch der Festung Regenstein verlängern. Wir wollten das auch tun, waren uns aber aufgrund der Tatsache, dass man für die Festung Eintritt bezahlen muss, nicht sicher, ob wir von Osten kommend, überhaupt hineingelangen.

An der Regensteinmühle

An der Regensteinmühle

Darum kürzten wir die Tour dann gegen Ende ab. Nach der anstrengenden Überquerung des Östlichen Regenstein waren wir auch ziemlich wohlig ermattet. Start war für uns der große Parkplatz am Regenstein. Es gibt noch zwei andere leicht zu erreichende Parkplätze, die aber auch nicht viel hübscher oder ruhiger sind. Die Festung Regenstein, über die es im Gegensatz zu dem gleichnamigen Felsen- oder Klippenzug jede Menge Informationen gibt, lasse ich mal komplett außen vor. Sie ist natürlich mehr als nur eines der Wahrzeichen der Region und ein Besuch ist Heilige Pflicht, wenn man sich in dieser Gegend aufhält – oft ist sie aber auch dementsprechend überlaufen. Vom Parkplatz geht es auf beliebigem Weg in Richtung Regensteinmühle. Man sollte sich ihr aber ruhig von Osten her nähern. Hier am Rand des „Regensteinmassivs“ findet man neben den meistens dominierenden Kiefernwäldern auch noch Mischwälder, in denen Eichen vorherrschen. Alles in allem gibt es hier nichts zu meckern, den es handelt sich im Bereich unserer Tour um recht naturnahe Kiefernwälder. In anderen Teilen des Heers sieht es da unserer Erfahrung nach ganz anders aus. Ein weiterer Grund, die Tour nicht allzu sehr auszuweiten. Durch Hohlwege und auf netten Wegen und Pfaden gelangen wir zur Regensteinmühle. Diese Mahl- und Ölmühle wurde wohl im 12. Jahrhundert von den Regensteiner Grafen angelegt, um die damals noch mittelalterliche Höhenburg Regenstein mit Trinkwasser zu versorgen. Das nötige Wasser wurde in einem zwei Kilometer langen Mühlgraben vom Goldbach herangeführt. Seit dem 15. Jahrhundert verfiel die Mühle und im 18. Jahrhundert wurden aus strategischen Gründen die Gebäude und Mahlwerke durch die Preußen beseitigt. Seit Ende der 1980er Jahre wird die Mühle rekonstruiert und gepflegt. Faszinierend, was Menschen früherer Jahrhunderte sich einfielen ließen, um Probleme zu lösen. Auch wenn die Mühle nicht vollständig rekonstruiert wurde und es vielleicht niemals wieder wird, ist sie ein einzigartiges Kulturdenkmal unserer Heimat.

Dass Fels auch weich sein kann, besonders wenn er dabei ist, sich in Sand zu „verwandeln“, ist hier in der Gegend bestens zu erleben, so zum Beispiel besonders gut an den Sandhöhlen im Heers und in den Klusbergen bei Halberstadt. An dem ebenfalls in den letzten Jahrzehnten freigelegten Mühlengraben wandern wir jetzt auf dem Mühlenwanderweg, den es wohl offiziell leider nicht mehr gibt. Eine Beschilderung ist teilweise trotzdem noch erhalten und der Teil des Weges, den wir heute begehen, ist noch weitestgehend vorhanden. Viele Wanderwege sind verschwunden oder in Vergessenheit geraten, seit wir mit unserer Lieblingsbeschäftigung begannen. Im Westteil unseres Landes war es damals schon so, dem östlichen Teil wird es wohl ebenso ergehen. Das ist der Lauf der Dinge. Wenn man in die Ferne schweifen kann, ist das nahe Gute nicht mehr so naheliegend. Ich habe dieses Land noch nie verlassen und bin manchmal etwas traurig deswegen. Aber nie wirklich, weil ich vielleicht auch dadurch die Erlebnisse unserer Heimat etwas mehr zu schätzen gelernt habe. Ein Leben reicht nicht einmal aus, um die eigene Heimat vollständig kennenzulernen. An dem erwähnten Mühlgraben geht es auf einem schönen Weg weiter zum Parkplatz an der B81, die wir überqueren, um ins Goldbachtal bzw. Birkental zu gelangen. Nach wenigen Metern erreichen wir eine etwas seltsam anmutende Waldsiedlung, die wohl früher als Ferienheim der Post diente. Dahinter liegt die hübsche ehemaligen Birkentalmühle, die nahezu direkt unter der Brücke der heutigen A36 ihr einsam-verlassenes Dasein fristet. Das hat einen etwas spröden Charakter, aber es hat auch seinen Charme.

 

Blankenburg - Perle am Nordharzrand

Blankenburg hat als Stadt schon etliches zu bieten. Die beiden Schlösser mit den dazwischen liegenden Gärten – Fasanengarten, Schlossgarten und Berggarten, die Reste der mittelalterlichen Stadtbefestigung, die man besonders in der Krummen Straße bewundern kann, eine allgemein sehenswerte Altstadt und vieles mehr, was wir bei kurzen Besuchen nicht kennengelernt haben. Die letztendliche Faszination für uns ist dann allerdings die extrem wanderbare und spannende Umgebung der Stadt, die für mich in einer der schönsten Landschaften unserer Heimat liegt. Groß-Sehenswürdigkeiten, die mittlerweile jeder Besucher des Harzes kennen dürfte, sind der quasi mitten in der Stadt beginnende, vielleicht bekannteste Teil der Teufelsmauer, der sich bis nach Timmenrode erstreckt und natürlich die Festung Regenstein auf dem gleichnamigen Felsmassiv. Wunderschön und bestens zu erwandern sind aber auch noch zum Beispiel die Sandhöhlen im Heers und über den Mühlenwanderweg das Kloster Michaelstein mit seiner Fisch-Gastronomie und den dazu gehörenden Teichanlagen. Hier kann man eventuell Nutrias entdecken und manchmal schon Anfang Februar Bärlauch probieren. Noch ein Stück weiter westlich, eigentlich zu Heimburg und Benzingerode gehörend, aber immer noch in Reichweite Blankenburgs, der Ziegenberg/Struvenberg mit seiner erlebnisreichen Natur. Auch in Richtung Thale gibt es sehenswerte Landschaften abseits der Teufelsmauer und auch die Harzwälder südlich von Blankenburg sind durchaus wanderbar. Im Grunde ist es die Landschaft im Dreieck zwischen Blankenburg, Halberstadt und Quedlinburg, die einen ganz besonderen Charme besitzt und die es immer wieder schafft, uns in ihren unverwechselbaren Bann zu ziehen…

Ebenso ist es mit dem folgenden Abschnitt. Wir folgen der Mühlenmeile durchs Goldbachtal, das durch die mangelnde Nutzung durch Wanderer und dementsprechende „Aufräumarbeiten“ einen etwas maroden Charme versprüht. Schilder gibt es aber auch hier noch und ich hoffe, dieser Weg bleibt noch eine Weile begehbar. Entlang der Waldwiesen geht es zum Kleinen Papenberg, von dem wir außer einem etwas zugewachsenen Felsenkeller nicht viel mitbekommen. Der ehemals auf Postkarten idyllisch anmutende Pfeifenkrug ist heute wohl nicht mehr bewirtschaftet und hauptsächlich zu einem mehr oder weniger frequentierten und/oder sinnvollen Pendler-Parkplatz verkommen. Also nichts wie rübergemacht über die Bundesstraße und ab zur Goldbachsiedlung am Papenberg. Der Bach war bei unserem Besuch völlig trocken gefallen. Die Gegend bei Blankenburg war sowieso extrem vom trockenen Sommer 2019 betroffen, was zwei weitere Wanderungen in den Wäldern bei Blankenburg noch deutlicher zeigen sollten. Von der ehemaligen Goldbachmühle, wohl auf dem großen, prächtigen Grundstück auf der linken Seite gelegen, sind keine Reste vorhanden. Von den hier teils an die Grundstücke angrenzenden Felsen der Papenberge dafür glücklicherweise schon. Hier zu wohnen, das kann man sich durchaus gefallen lassen.

Am Rand der Großen Sandhöhlen

Am Rand der Großen Sandhöhlen

Das gilt auch für den Aufstieg zum Großen Papenberg, den Großen Fels selbst und die Aussicht von selbigem. Da wir nie viel über den Papenberg gehört oder gelesen haben, hatten wir ihn bisher immer links liegen gelassen. Das wird uns nicht mehr passieren. Denn im Gegensatz zum Regenstein ist man hier oben ziemlich allein und hat trotzdem tolle Aussichten. Auch die Natur hat hier oben einiges Wundersames und Erstaunliches zu bieten. Bei unserem Besuch, mittlerweile glaube ich doch an das Tagesglück, zog ein Schwalbenschwanz seine einsamen Runden über das Plateau und ließ sich sogar für ein Fotoshooting bei uns nieder. Miniatur-Kiefern und Felsen-Heide komplettieren das schöne Erlebnis. Die Aussicht in nördlicher und nordöstlicher Richtung, zum Beispiel zum Regenstein, ist durchaus herrlich. Hier oben haben wir bestimmt eine halbe Stunde aufs Feinste „verplempert“, bevor es weiterging. Der Abstieg vom Felsen ist nicht einfach zu finden und dem schmalen Pfad ist auch nicht einfach zu folgen. Schließlich gelangt man aber wieder unvermeidlich ins Waldgebiet des Heers und kann sich auf die Socken machen, um die Kleinen und Großen Sandhöhlen zu finden. Die beiden kleinen, sandig eingebetteten Felsformationen sind schon sehenswert an einem Ort, an dem man solches nicht vermuten würde. Die Großen Sandhöhlen sehen dagegen aus wie der Sandkasten der Götter. Man kann sich vorstellen, dass unsere germanischen Vorfahren hier Versammlungen abgehalten haben. Im Mittelalter wurde der feine Sand zum Beispiel zum Scheuern der Fußböden gewonnen. Durch Auswaschung entstanden in dem weichen Fels im Laufe der Zeit höhlenähnliche Räume. Einer der Orte, die der Umgebung von Blankenburg diesen ganz besonderen Reiz verleihen.

Der letzte Abschnitt des Tages war dazu gedacht, die Verbindung von den Sandhöhlen zum Auto herzustellen. Glücklicherweise hat aber auch dieser Weg noch einiges zu bieten gehabt. Auf freundlichen Wegen geht es zur Alten Heerstraße und dann auf einem schmalen Pfad am Zaun der Feldwebel-Schmid-Kaserne hinauf. Das wirkt erstmal nicht so pralle, aber nach wenigen Schritten hat man keine Puste mehr, um sich an dem Anblick zu stören. Es geht zuerst etwas steil, dann steiler und schließlich sehr steil über den Bergrücken. Von uns aus gesehen knapp hinter dem Zaun sind Treppen und/oder ein Halteseil angebracht für die Streifengänger der Kaserne. Fluchend argwöhnten wir, dass irgendjemand irgendwann beschlossen hat, einfach den Zaun zu versetzen, um den Wanderweg in das Militärgelände einzubeziehen, damit wir armen Schweine uns hier draußen abrackern müssen. Na ja, dann muss man sich halt teilweise einfach am noch stabil wirkenden Zaun hochziehen. Das Martyrium lohnt sich allerdings, denn hier oben ist es wirklich nett und überall liegen und stehen Felsen herum. Auch der Abstieg zum Fuß des Regensteins erfolgt durch ein tolles Tal, das von beiden Seiten von Felsen eingerahmt wird. Ein Stück geht es noch recht ebenerdig, dann haben wir, vollkommen verdient, aber auch ein wenig wehmütig, das ein solcher Tag enden muss, unseren Ausgangspunkt am Parkplatz Regenstein erreicht. 

Am Ende eines Tages...

Eigentlich wollten wir noch probieren, ob man sich von der östlichen Seite in die Festung schleichen kann, aber der brutale Auf- und steile Abstieg ließen uns die Lust daran verlieren, das Ganze noch einmal zur Festung zu wiederholen. Die muss noch einmal extra besucht werden. Diese Tour auf Wegen, die wir teils kannten, teils für uns neu entdeckt haben, war wieder mal äußerst spannend und führte dazu, dass wir auch am nächsten und übernächsten Tag nach Blankenburg zurückkehrten, wenngleich der eventuell anstehende, von wem auch immer verursachte Klimawandel seltsamerweise in den Harzrandwäldern für schlimmere Verhältnisse sorgt als am vorgelagerten Regenstein. Vielleicht sind die Pflanzen hier auf dem felsigen Untergrund einfach schon länger Kummer gewohnt. Blankenburg hat es nicht leicht an der Perlenkette Nordharz mit Schwesterorten wie Goslar, Bad Harzburg, Ilsenburg, Wernigerode, Thale oder Quedlinburg. Verstecken muss es sich auf gar keinen Fall. All diese Orte und auch viele kleinere, wie zum Beispiel Bad Suderode, Stapelburg, Heimburg oder Benzingerode, haben alle ihren eigenen Charme und ihre eigenen Erlebnisse zu bieten. Da ist eigentlich für fast jeden Anspruch etwas dabei. Wandern kann man hier im nördlichen Harzvorland fast überall bestens und im näheren Umfeld bieten all diese Orte höchst wanderbare Erlebnisse. Immer einen schönen Weg als Ziel wünschen wir allen immer und überall…

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