
Blick vom Cölle-Turm zu den Sieben Bergen
Kennt ihr das auch? Man geht irgendwo wandern, wo man immer mal wieder alle paar Jubeljahre ist und weiß, dass es dort schön ist. Dann kommt man dorthin und es ist nicht nur schön, sondern berauschend, weil man im Laufe der Jahre zu viel anderes erlebt hat, als dass man sich genau erinnern könnte. Also der Külf! Er ist seinem großen Bruder, dem Ith, den wir letztens erst einmal wieder etwas erwandert haben, sehr ähnlich. Er ist ein Krückstock – allerdings ohne den gedrehten Knauf. Es gibt allerdings kein Schutzgebiet hier – unglaublich! Es gibt keinen ausgewiesenen Wanderweg – noch unglaublicher! Googelt mal Külf und seht euch die bemitleidenswert wenigen Beiträge an. Nichts großartig zu finden zur Flora und Fauna. Ist er etwas ein Geheimtipp? Bei der regionalen Bevölkerung wohl eher nicht. Ist er wanderbar? Absolut! Garantiert im Frühling, wenn die Blümchen blühen. Diese Zeit haben wir dieses Mal verpasst, sie aber fest ins Visier genommen fürs nächste Mal, hoffentlich im nächsten Jahr. Buschwindröschen, Seidelbast, Lerchensporn, Frühlings-Platterbse, Knöllchentragende Zahnwurz, Scharbockskraut, Schlüsselblume & Co. waren also schon verblüht. Dafür blühten Taubnessel, Bärlauch, Gemeiner Goldregen, Akelei, Weißdorn und hunderte Exemplare des Stattlichen Knabenkrauts am Wegesrand. Die für unsere Breiten hohe Dichte und Vielfalt (nicht nur) an Orchideen im Alfelder Bergland ist immer wieder erstaunlich. Gerne verweise ich auch immer wieder auf das Video „Alfeld’s wilde Orchideen“. Nach einer leicht missglückten Tort(o)ur von Mahlerten über das schöne Haus Escherde nach Hildesheim mit über 20 Kilometern und einem gelaufenen Wolf, musste ich ordentlich schmieren, um am übernächsten Tag die auch nicht gerade flache Tour zwischen Banteln und Alfeld zu überstehen. Man muss es einfach so knallhart sagen: Der nördliche Hildesheimer Wald taugt, abgesehen vom Kammweg, größtenteils nicht mehr viel zum Wandern. Breite Wege und intensive Forstwälder.
Darum geht es jetzt auch woanders hin. Mit der NWB und dem Metronom geht es erst einmal von Hildesheim nach Banteln. Eigentlich sind wir gleich um die Ecke – der zumindest aus der Ferne hübsch anzusehende Hildesheimer Wald scheint nur einen Katzensprung entfernt. In Banteln gibt es zumindest am Bahnhof nichts zu sehen, also weg. Flugs über die Bundesstraße 3 und dann auf die lange Gerade zum Fuß des Berges. Der Weg ist breit und fest und schnurgerade, aber zahlreiche Obstbäume säumen ihn. So ist es gar nicht so schrecklich, bis wir endlich rechts abbiegen und zum Waldrand gehen. Hier warten die letzten Pausenbänke bis zum Turm auf dem Külf. Von der Schönen Aussicht geht es auf den Pfad, der uns zackig und knackig auf den Kamm des Höhenzuges führt, wo die Orchideenpracht bereits beginnt, die erst hinter dem Rettberg endet. Oben angekommen, präsentiert sich uns ein wirklich fantastischer Kammpfad durch einen außerordentlich abwechslungsreichen Mischwald. Wir sind ja auch in der Hinsicht nicht sonderlich bewandert, aber diese Pracht ist augenscheinlich. Unheimlich viele Gemeine Eschen, viel Weißdorn und auch etliche Exemplare des Gemeinen Goldregens bevölkern den Höhenzug – und scheinen zu wissen warum. Aber viele Bäume und Sträucher mussten zur Erkenntnis gelangen, dass sie sich ihren Platz im Leben nicht aussuchen können. Neben diesen Arten gibt es natürlich zahllose Buchen, Kiefern, Eichen, Ahorne und andere Bäume aller Altersstufen und relativ viel Totholz im Wald. Zusammen mit dem Farbenspiel am Boden, muss der Külf sich wahrlich und wahrhaftig hinter Nichts und Niemandem verstecken. Informationen über den komplett „ungeschützten“ Höhenzug sind wie gesagt mehr als nur rar. Wie der große Nachbar auf der anderen Seite der Leine, die Sieben Berge, besteht er aus sieben einzelnen Anhöhen. Selbst diese einzelnen, zu Fuß deutlich spürbaren Erhebungen auf seinen knapp 10 Kilometern Länge, tragen keine Namen. Das tut der Herrlichkeit des Weges aber keinen Abbruch.

Durch den Bärlauch
Über den Cölleturm, der ja eigentlich Rautenbergturm heißen müsste, kann man einiges herausfinden. Der wohl kleinste Aussichtsturm im weiten Umkreis wurde 1835 vom Eimer Landwirt Friedrich Rautenberg errichtet und 1878 an den Bantelner Carl Cölle verkauft. Eine von Cölle 1896 erbaute Wirtschaft am Fuße des Berges unterhalb des Turms wurde 1914 geschlossen und abgerissen. Heute sind der Turm und der angeschlossene Rastplatz, die in den 1950er und 1990er Jahren saniert wurden, wieder mal in einem bemitleidenswerten Zustand. Trotzdem hat man von hier den besten Ausblick, den der ansonsten weitestgehend „blickdichte“ Külf zu bieten hat. Das Leinetal liegt ausgebreitet vorm Betrachter und es öffnet sich der Blick bis zu den Sieben Bergen und zum Hildesheimer Wald. Das Schloss Marienburg, die Zuckerfabrik in Nordstemmen, die Kaliberge in Sehnde und Lehrte und der Funkturm auf dem Griesberg sind bei entsprechender Sicht gut erkennbare Landmarken. Was folgt, ist ein Premiumweg über Stock und manchmal auch über Gestein. Immer wieder wechselt der Wald sein Gewand. Mal geht es durch eine Reihe Baumveteranen am Steilhang, mal durchs Grasland und mal durch einen lichten Wald mit blühendem Immergrün. Mal kunterbunt durcheinander gemischt, dass man gar nicht so genau weiß, wohin man zuerst und zuletzt schauen soll. Da macht das Wandern so viel Spaß und manches Mal möchte man doch einfach für den Rest seines Lebens genau dort bleiben, wo man gerade ist. Doch wir müssen weiter, immer weiter, es gibt keinen Weg zurück, vor uns liegt das nächste Glück – müssen wir wirklich? Zwei Drittel des Külf haben trotz aller Vielfältigkeit einen gemeinsamen Charakter. Der ändert sich im letzten Drittel. Hier bestimmt mehr die Forstwirtschaft den Wald und doch bleibt es ein Erlebnis. Je nach Jahreszeit und verschiedenen anderen Faktoren ändert sich das Gesicht des Waldes. Wir konnten das daran erkennen, dass wir uns an etliche Stellen dieses Wegabschnitts überhaupt nicht mehr erinnern konnten. Ziemlich viele Gemeine Eschen, ganze Eschenhaine gar, bestimmen hier das Bild des Waldes. An einigen Stellen ist freigeholzt und aufgeforstet worden.
Der Kammweg/Höhenweg ist mehr oder weniger zugewachsen, aber immer noch problemlos begehbar. Das ist etwas ungemütlicher als der recht aufgeräumte Wald, den wir eben noch als urwüchsig empfanden. Das ist ein Wald im stetigen Wandel, aber auf gar keinen Fall einer dieser stupiden „Linieninfanterie-Wälder“ anderer Gegenden. Vor allem bleibt es am Fußboden immer schmal und vermittelt den Eindruck von Nähe zur Natur. So gelangen wir über einen bemerkenswerten Höhenzug, der ebenso wie der Ith seinen ganz eigenen Charakter besitzt, hinab nach Brünighausen bei Brunkensen. Ein kleiner Mühlenweiler mit dereinst zwei Mühlen an der Glene, die hier heute noch munter durch die Wiesen wandert. Ein paar hundert Meter Luftlinie rechts von uns befinden sich mit dem Naturdenkmal „Erdrutsch am Kikedal“ und der Lippoldshöhle in den Brunkenser Klippen zwei sehr sehenswerte Fleckchen Erde. Für uns geht es ein kleines Stück am Glenebach entlang, den wir über eine urige Brücke überqueren. Gleich dahinter steht eine Pausenbank, an der man eigentlich nicht vorbeigehen kann. Ein nettes Fleckchen im Tal, bevor es auf den nächsten Höhenzug geht. Ein Hangweg oberhalb der Glene führt uns zum Aufstieg über den Hasenwinkel zum Rettberg. Der hat es durchaus in sich, lohnt die Mühe aber auch auf jeden Fall. Denn der Muschelkalkhöhenzug des Rettberges weist einen Buchenmischwald vom Feinsten auf und der Höhenweg des teilweise gerade mal auf hundert Meter Breite bewaldeten Zuges ist höchst wanderbar. An dieser Stelle erhalten wir auch endlich eine teilweise Aufklärung über die zahlreichen Grenzsteine, die uns schon auf dem Külf aufgefallen sind und die ich beinahe vergessen hätte zu erwähnen. Wandern ist immer die Hauptsache, wenngleich Kultur und Natur immer eine wichtige Rolle spielen. Trotzdem waren wir auch dieses Mal mit An- und Abfahrt elf Stunden unterwegs. Da bleibt das ein oder andere auf der Strecke.

Alter Grenzstein des Herzogtums Braunschweig
Welche Grenzen hier also wo und wann genau verliefen, entzieht sich meiner Kenntnis. Die „gängigen“ Grenzen unserer Gegend kennt man als Wanderer ja mittlerweile. KH steht zum Beispiel das Königreich Hannover, KP für das Königreich Preußen und HB für das Herzogtum Braunschweig. Zu finden ist im Bereich des Rettberg noch das AW, das wohl für das Amt Winzenburg stand. Eine Infotafel an einem „Dreiländereck“ gibt etwas preis über die hier zu findenden Grenzsteine ehemaliger Territorien. Weiter geht es auf dem Rettberg, von dessen Höhenweg immer wieder kleine Wege abzweigen. Hier kann man je nach Lust und Laune den rechts liegenden Waldrandweg nehmen, der auch sehr schön ist. Links würden uns nur die Gewerbegebiete außerhalb Alfelds erwarten. Von dem auf der Karte eingezeichneten Parkplatz bei Brunkensen oder dem am Sportplatz in Warzen, kann man über den Waldrand- und den Höhenweg, auch eine ca. 5-6 Kilometer lange Runde nur über den schönen Rettberg machen. Bei Warzen verlassen wir den Höhenzug kurz für ein paar Meter, dann verschluckt uns wieder der Wald. Es geht genauso nett weiter durch einen freundlichen Wald, in dem wir das erste und bisher einzige Exemplar des Purpur-Knabenkrauts dieses Jahr entdeckten – und leider mal wieder nicht in der Lage waren, es halbwegs anständig zu fotografieren. Oberhalb des Wahrbergs verlassen wir den Rettberg kurz vor seinem Ende. Es geht hinab ins Tal, mag man meinen, aber weit gefehlt. Der Schönheit des Anblicks am Waldrand können wir uns einfach nie entziehen. Links die Silhouette der Sieben Berge bei Alfeld und vor uns die schöne Landschaft des nahezu unbewaldeten Wahrbergs.
Mehr zufällig kamen wir vor etlichen Jahren hier vorbei und waren damals wie heute immer noch fasziniert von diesem kleinen aber feinen Berg. Informationen über ihn zu bekommen ist allerdings online echte Arbeit. Nicht einmal über den „wa(h)ren“ Namen, der wohl von einem Wartturm der Landwehr herrührt, herrscht Einigkeit. Manchmal heißt er Warberg, manchmal Wahrberg. Zu meiner eigenen Schande muss ich mal wieder eingestehen, dass wir zwar schon etliche Male hier oben waren, aber wegen des „Wander-Zeitmangels“ nie alles erkunden konnten. Der Wahrberg scheint sich weitestgehend im Besitz des Vereins „Bärenwelten in uns“ zu befinden. Dem steht Dieter Kraml vor, der „Bärenvater“, der zusammen mit mehreren Bären in Alfeld lebt. Seine Bären kann man unter anderem in Jean-Jacques Annauds „Der Bär“ und zahlreichen weiteren Filmen und Fernsehproduktionen bewundern. Am Wahrberg ist auch wohl eines seiner Projekte angesiedelt. Allerdings ist es uns nie gelungen, hier oben einen Bären zu Gesicht zu bekommen. Ein Bärengehege auf der Wiese war vor Jahren angelegt worden, ist aber mittlerweile wieder weg. Überhaupt hat Alfeld eine lange „Tiergeschichte“ aufzuweisen. Da kann ich mit dem Link zum „Tiermuseum Alfeld“ ja auch mal zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und gleich noch Werbung für die tolle Site „Alt-Alfeld“ machen. Am Fuße des Berges befindet sich noch ein ansehnliches Wikingerdorf, das der „Schlechten Saat“. Für Interessierte gibt es eine ausführliche, mehrteilige Videodokumentation vom Leinebergland TV.

Blick vom Wahrberg zu den Sieben Bergen
Der Wa(h)rberg hat wahrlich etwas zu bieten. Der umtriebige „Bären-Verein“, den man gerne unterstützen darf, hat wohl mittlerweile mithilfe von Sponsoren einen Zukunftslehrpfad und noch einen zur heimischen Flora und Fauna eingerichtet. Leider hatten wir wieder mal nicht genug Zeit, um das genauer in Augenschein zu nehmen. Der ganze Berg ist wunderbar mit seinen zahlreichen Bäumen und Obstbäumen, die ihn im Frühjahr in ein „Blütenmeer“ verwandeln. Zahlreiche neue Bäume wurden jetzt noch gepflanzt und auf der Streuobstwiese ist ein herrlicher Rast-Aussichtsplatz entstanden. Die tollen Wiesenwege am Berg sind die meiste Zeit und weitestgehend äußerst spazierfreundlich geschnitten. Der ganze malerische und sehr interessante Wahrberg, mal etwas abgekürzt, ist einfach ein mehr als schöner Abschluss für diese Wanderung und kann und sollte ausgiebig erkundet werden. Für uns ist Abschied angesagt und durch einen grünen Tunnel geht es hinab nach Alfeld. Wir gehen direkt auf den Turm von Sappi zu, der für die einen Alfelder ein Schandfleck, für die anderen ein Wahrzeichen ist. Auf jeden Fall kann man aufgrund seiner Existenz aus allen Richtungen gut ausmachen, wo die „Perle des Leinetals“ zu finden ist. Ein Stück geht es durch die Randgebiete der Stadt, dann erreichen wir mit dem Bahnhof Alfeld unser Tagesziel.
Am Ende eines Tages...
Alfeld ist für Wanderer auf jeden Fall eine der Perlen oder gar die Perle im Leinebergland. Wie in kaum einer anderen Gegend im weiten Umkreis kann man hier eine faszinierende Natur und Kultur bis hin zum Welterbe Fagus-Werk entdecken, erkunden und bestaunen. Die ausgewiesenen Wanderwege der Region, wie zum Beispiel die mit dem Hödeken ausgewiesenen Wege, können wir nur bedingt empfehlen, weil sie uns einfach zu oft auf zu „barrierefreien“ Wegen verlaufen und interessante Ecken und Flecken weglassen. Wie hoffentlich bald noch weitere Beiträge unter Beweis stellen werden, ist diese Gegend aber eine touristisch weitestgehend sehr unterschätzte Premium-Wandergegend. Viel Spaß gerade jetzt in dieser Jahreszeit im „Land der wilden Orchideen“…
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